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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-04 · Heft 41 (4.10.1864) · p. Seite 638

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 41 (4.10.1864)
Date
1864-10-04
Page
Seite 638 (sequence 4)
Language
German
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638 die Production aus ihrer Beschränktheit heraus und wurde eine Quelle des Reichthums, dadurch nämlich, daß tbeils durch den Besitz großen Grundbesitzes und vieler Arbeitskräfte der Vortheil der Production in einige wenige Hände fiel, theils aus der Manufactur (Arbeit der Hand) die Fabrik hervorging, welche große Capitalien, höhere technische Bildung und die Maschine erfordert. Ein Blick auf die zahlreichste Classe der Besitzenden ergibt die Richtigkeit der obigen Ansicht. Daß, nachdem einmal die Besitzverschiedenheit in so großem Maße sich gestaltet hatte, der Besitz auch durch andere Umstände, wie Vererbung, Verehelichung, Schenkung u. s. w., auch in andere Hände als der beiden angeführten Classen kam, versteht sich von selbst. Es ist also Sache der Entwickelung, diese großen und mannigfaltigen Verschiedenheiten auszugleichen, denn kein System, kein Universalmittel, keine Gewalt, von welcher Seite sie auch käme, vermag dies. Aber die Entwickelung thut es. Wir sehen, daß die Eroberungskriege immer unmöglicher werden, und es ist die Zeit vorauszusehen, wo sie gänzlich verschwinden müsien. Aber was noch viel wichtiger, Eroberungskriege in unserer Zeit sind mit der Heilighaltung des persönlichen Eigenthums immer mehr verbunden; abgesehen von den vorübergehenden Lasten und Unbillen des Krieges, bleiben die alten Besitzer in ihrem Rechte, man vertreibt sie nicht und raubt ihnen ihr Eigenthum nicht. Andererseits werden die Verhältnisse des Bodenbesitzes durch die Freiheit des Güterverkehrs in kürzerer Zeit, als man glaubt, umgestaltet und ganze Provinzen, z. B. die Rheinprovinz, zeigen, wie bald dieser freie Verkehr eine verhältnißmäßige Vertheilung des Bodens unter viele Besitzer herbeiführt. Daß hiermit auch eine sorgfältigere Bearbeitung des Bodens verbunden ist, gegenüber den übermäßigen Gütercomplexen, erkennt man leicht, und wenn es auch wahr ist, daß dadurch große landwirthschaftliche Culturanlagen erschwert werden, so wird dies doch durch den Vortheil, daß eine sehr große Zahl freier Familien aus dem Boden ihre genügende Nahrung zieht, außerordentlich ausgewogen. Niemand kann leugnen, daß das Landproletariat durch diese Entwickelung gegen mittelalterliche Zustände außerordentlich verringert worden ist und immer mehr wird. Man werfe nur einen vergleichenden Blick von solchen Provinzen auf andere Länder, wie Mecklenburg, Ungarn, um zur Ueberzeugung zu kommen. Blicken wir nun auf den Handel und die Fabrik. - (Schluß folgt.) Zerstreute Bemerkungen. Der zukünftige Geschichtschreiber jener großen Entwickelung, welche zum allgemeinen Siege der Gewissens¬ und Glaubensfreiheit führt, wird die Freude haben, öfter in Zeiten zurückgehen zu müssen, die das gerade entgegengesetzte Bild von Duloung und Gerechtigkeit bieten und in denen dennoch einzelne Persönlichkeiten auftraten, welche sich der Forderungen der Gewissensfreiheit in ihrem ganzen Umfange bewußt waren und völlige Befriedigung derselben verlangteu. Vor kurzem brachte Dr. F. O. Opel in einer Monographie Das Gedächtniß eines außergewöhnlichen Mannes in Erinnerung, des Pfarrers Valentin Weigel, der 1533 geboren, 1567 Pfarrer zu Zschopau in Kursachsen wurde und 1588 daselbst verstarb. In seiner Zeit war die protestantische Kirche durch starre Dogmatiker in Fractionen getheilt, die sich hartnäckig bekämpften, und die verschiedenen Fürsten Deutschlands in ihrer Eigenschaft als Landesbischöfe machten hier diese dort jene durch ihren weltlichen Arm mit äußerster Strenge zur herrschenden oder unterdrückten. Auch Weigel beugte sich dieser Gewalt und unterschrieb die sogenannte Concordienformel, obgleich seine Ansichten ganz anderer Natur waren. Ihm sind die äußeren Formen der Confessionen gleichgiltig. Er findet den Glauben im rein innerlichen Befinden, die Religion ist ihm innerste Sache des Herzens und des Gefühls und ihr wahrhaftes und einziges Kriterium das Leben. Wir können hier auf seine eigenlhümliche Theologie nicht eingehen, er trat aber während seines Lebens nicht als Schriftsteller auf und erst nach seinem Tode fanden seine hinterlassenen Manuscripte aus dem Pfarrhause zuZschopau den geheimen Weg in die Oesfentlichkeit. Seine Schriften machten ihrer Zeit großes Aufsehen und bildeten ein Jahrhundert lang den Mittelpunkt einer kirchlichen Partei. Weigel war daher von seinem Gesichtspunkte aus ein entschiedener Freund der Gewissensfreiheit, erhebt den Ruf nach ihr in weitester Ausdehnung, verlangt sie nicht blos für alle christliche Confessionen sondern auch ausdrücklich für die Juden, für alle Menschen und geht allem hierarchischem Dünkel mit den schärfsten Waffen zu Leibe. An der Schwelle des dreißigjährigen Krieges also sehen wir von ihm Grundsätze ausgesprochen und vertheidigt, die in unseren Zeiten erst Geltung bekommen und noch immer Schwierigkeiten und Hindernisse genug finden.

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