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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-04 · Heft 41 (4.10.1864) · p. Seite 637

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 41 (4.10.1864)
Date
1864-10-04
Page
Seite 637 (sequence 3)
Language
German
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«37 mit der Verheißung, allen UeLeln und Krankheiten Abhilfe zu schaffen, gegen alles Siechthum das rechte Mittel zu bringen, welche dann bald eine eifrige Partei zu ihrem Lobpreis und ihrer Vertheidigung fanden, wie nicht minder eine gegnerische, dennoch aber nach einiger Zeit in ihrer Unzulänglichkeit erkannt wurden,. Glanz und Autorität verloren und wieder verschwanden. Manche dieser Systeme waren völlige Irrung und Täuschung; manches dieser Universalmittel Wahn und Betrug; viele aber waren dies nicht, es lag vielmehr in ihnen Wahres und Nutzbringendes, so daß sie eine gewisse Stelle noch heute in der Heilkunde einnehmen, und nur in der Uebertreibung und Unbeschränktheit ihrer Geltung und Wirksamkeit lag das Falsche. So ist es auch um die sociale Frage, um die Systeme und Heilmittel, die für sie von jeher angepriesen worden; einige von diesen sind geradezu verkehrt und unsinnig, gefährlich und verderblich; einige haben zeitweise eine große Bedeutung und dienen als Erziehungs- oder Correctivmittel; einige leisten für besondere Schäden kräftige Abhilfe unv man geht nur fehl, wenn man ihnen universelle Kräfte zutraut. Kein System und kein einzelnes Mittel vermag die sociale Frage zu lösen; denn wie sie aus der Entwickelung der Menschheit hervorgegangen, kann sie allein durch die Entwickelung der Menschheit gelöst werden. Die sociale Frage ist so alt wie die Menschheit, nachdem diese aus rohem Naturzustände hervorgegangen war; nur in den verschiedenen Zeiträumen nahm und nimmt sie eine andere Gestaltung an, denn nach den großen Principien jeder großen Epoche bekommt sie einen anders gerichteten Inhalt, der aber an Lösbarkeit mit den Fortschritten der Menschheit gewinnt. So wenig übrigens wie das Sklaventhum des Alterthums und die Leibeigenschaft des Mittelalters die ganze sociale Frage ihrer Zeit waren, so wenig ist dies auch mit der Arbeiterfrage der Fall. Die sociale Frage reicht weiter, reicht durch alle Classen und Schichten des Volkes. In Athen und Rom waren es nicht blos die Sklaven sondern das ganze arme Volk, welches gegen die Reichen und Vornehmen, denen es als Schuldner anheimgefallen, stritt. Es gibt Proletarier sogar in Palästen; unter den Beamten sind sie sehr zahlreich und der Handelsstand hat deren nicht minder wie die Handwerker; in dem speciell genannten Arbeiter verkörpert sich nur das Proletariat. Fragen wir nach den eigentlichen Quellen der Besitzverschiedenheit unter den Menschen, so wird es uns klar werden, daß im großen Ganzen die Tugenden und Laster der Menschen, wir meinen Fleiß und Sparsamkeit auf der einen, Faulheit und Verschwendung auf der andern Seite, nur einen geringfügigen Antheil daran haben; denn die Folgen dieser gleichen sich nach Raum und Zeit immer wieder aus. Auch die Geisteskraft und Bildung können keinen wesentlichen Einfluß in der Gesammtheit haben, denn am Ende sind jene in der Menge des Volkes mehr vorhanden als in der geringeren Zahl der Besitzenden und die bedeutendsten Geister sind immer aus dem Volke hervorgegangen. So gewiß aber der Erdball Raum genug für eine vielmal größere Bevölkerung hätte: ebenso sicher würde die Menschheit auch Besitzthümer genug haben, um den Bedürfnissen aller Menschen zu genügen. Es zeigt sich vielmehr, daß die wahren Quellen der Besitzverschiedenheit zwei waren und sind: die Eroberungen durch das Schwert und der übermäßige Gewinn durch den Handel. Durch die Eroberung eines Landes wurde das ganze bisherige Volk oder ein größerer oder geringerer Theil desselben besitzlos gemacht, wahrend ihr Besitzthum einer geringeren Zahl unter den Eroberern nach dem Belieben der Herrscher und nach dem Range der Anführer zustel. Die große Mannigfaltigkeit, namentlich im Grundbesitz, stammt aus dieser Quelle und wir finden einen Fingerzeig hierfür in der Bestimmung der heiligen Schrift, daß das eroberte Kanaan gleichmäßig unter alle Israeliten vertheilt und die früheren Bewohner gänzlich vertrieben, also nicht etwa zu Sklaven und Leibeigenen gemacht werden sollten. Daß diese Folgen der Eroberungen bis heute sich erstrecken, vermag jeder zu ermessen, namentlich in Ländern, wo die Gesetzgebung durch Majorate, Erbrecht des Adels, Verbot der Güterzertheilung u. s. w. den Grundbesitz in ziemlicher Integrität erhielt. — Mit dem Handel war aber zu aller Zeit ein Gewinn verbunden, der weit über den Nutzen der Producenten hinausging. Wie ehemals die Europäer Gold und Edelsteine von den Indianern für Glaskorallen und buntes Tuch, oder kostbare Felle für etwas Eisen und Brantwein eintauschten: so war mehr oder weniger dies das Bild des Handels im großen. Die Vermittelung zwischen den weit voneinander entfernten Producenten und Consumenten warf einen übergroßen Gewinn ab, da ohne jene Vermittelung Producenten und Consumenten hilflos gewesen wären. Je umfangreicher dieser Handel, je entfernter die vermittelten Länder, je größer das Risiko: desto bedeutender der Gewinn des Handels. Allerdings trat mit der Zeit auch 41*

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