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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-10-04 · Heft 41 (4.10.1864) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 41 (4.10.1864)
Date
1864-10-04
Page
Seite 636 (sequence 2)
Language
German
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636 identisch ist und dessen eigentlichen Lebensmittelpunkt umfaßt. Es ist dies um so charakteristischer, je weniger diese Feste in ihrer Bedeutung den nationalen Charakter tragen, je mehr sie nichts weiter als das rein Menschliche enthalten. Und wiederum ist es ein bedeutsames Zeugniß für den Geist des Judenthums, daß es seit 2 Jahrtausenden gerade diese Feste als seine höchsten und wichtigsten, wirkungsreichsten und gesegnetsten feiert, während dies für die vorangegangenen Zeiten von den kritischen Forschern nicht zugestanden wird. So stellen sie sich noch heute dar, so faßt sie der Geist des Volkes auf, zeugend von dem Bedürfniß, das in ihm lebt und drängt. So müssen sie noch heute unser innigstes Heiligthum bilden, unantastbar, von all unserm Gottessinn getragen und umgeben. — Wir haben es vor Jahren schon gesagt und wiederholt: was die Menschen unserer Zeit am meisten bedürfen, das ist die Einkehr in sich selbst! Alles andere bietet sich ihnen in nächster Nähe und in großer Fülle dar. Wissenschaft und Kunst, Bildung und Geschmack, Politik und Bürgerthum, Industrie und Gewerbe haben sich allesammt auf dem Markte des Lebens heimisch gemacht, nehmen einen großen Raum darauf ein, treten uns überall entgegen und fordern uns auf, uns zu ihnen zu gesellen. Sie sind nicht mehr wie in früheren Zeiten gesonderte und abgeschlossene Kreise, zu denen die Wege aufzusuchen und schwer zu finden und zu beschreiten sind. Aber wie es in großem Gedränge zu geschehen pflegt, daß gerade in der Menge der Einzelne sich leicht verliert und von seinem Wege abkommt, gezogen und getrieben wird, bis ihm sein Ziel aus den Augen gekommen — so ergeht es dem jetzigen Menschen. Die Zerstreuung des Lebens, die materiellen Geschäfte in ihrer Vielheit und Schnelligkeit, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die politischen Verhältnisse und Ereignisse, die Theilnahme an allem öffentlichen Wesen erfassen ihn ganz und gar, ziehen ihn aus seinem Inneren heraus, entfremden ihn sich selbst, bis er am wenigsten im Hause seines eigenen Geistes, in den Kammern seines eigenen Herzens heimisch und betraut ist. Wie soll er Zeit und Muße haben, in sich selbst hineinzuschauen, die Zustände seines Innern richtig zu erkennen und zu beurtheilen und den Schatz des Heiles aus den tiefen Schachten seiner Seele zu heben? Woher soll ihm die Veranlassung kommen, das drängende Bedürfniß seiner Seele, sich in sich selbst zurückzuziehen, zu gewahren, was ihm fehlt, woran er kränkelt, worin er zurückgeblieben oder rückwärts geschritten, was er an Gottesfurcht verloren, an reinem Sinn, an edler Begeisterung, an Tugend und Frömmigkeit? Von dem Wirbel hingerissen, von der Befriedigung äußerer Erfolge umnebelt, von dem Thun und Wirken im Leben erfüllt, weiß er sich in sich selbst nicht zurechtzufinden und sucht es auch nicht, und wenn es einmal auf ihn eindrängt, hüllt er sich schnell in den Mantel der Selbstrechtfertigung und läßt den leichten Schleier der Entschuldigung vor seinen Augen nieder. Danken wir es daher unserer Religion, daß sie durch jene hohen, erhabenen Feste mitten in unser Leben hineinschreitet, unsere Hand erfaßt, uns aus dem Gedränge zieht und uns zuruft: Halte Einkehr heute bei dir selbst, prüfe und erkenne dich! Siehe, es ist noch eine Welt über dir und in dir, der du angehörst, in die dieses wirre Menschenleben nur hineingelegt ist als ein flüchtig und schnell durchschrittener Kreis, den du verlassen mußt und aus dem du in jene höhere, verdeckte Welt unmittelbar hineintrittst. Darum richte jetzt schon dein Auge auf sie, vergiß ihrer nicht, laß sie niemals aus deinem Gesichtskreise, damit du das Dauernde, Ewige nicht verlierest über das Vergängliche und Schwindende. Halte es nicht für das Wesenlose, während, was dich in der Nähe umgibt, doch nur das Scheinbare und Irrende ist! — Danken wir unserer Religion, daß sie uns die Gelegenheit, die Aufforderung und Mahnung gibt, zu dem eigenen Hause zurückzukehren und das Heilige in uns zu pflegen, uns vor uns selbst und unseren Gott zu stellen und Versöhnung, Wiederherstellung, Heilung zu erlangen! Doch wer weiß es nicht, dieser Dank kann doch nur in der aufrichtigen Benutzung dieser Wohlthaten und Heilsanstalten bestehen, darin, daß wir die Gedanken dieser Feste aufrichtig in uns verwirklichen, daß wir nicht nur sie als Satzung halten, äußerlich vollführen, sondern auf unser ganzes Leben einwirken lassen, um ihren Segen dauernd in das Leben mit hinüberzutragen. So mögen diese Feste von uns allen wahrhaft begangen werden, daß der Ruf zur Einkehr in uns selbst und zur Rückkehr zu unserem Gotte nicht blos von uns vernommen sondern auch bethatigt werde! Die Arbeiterfrage, v. Die Geschichte der Heilkunde zeigt zahllose Beispiele von Systemen und Universalmitteln, welche auftraten

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