Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1864)
- Date
- 1864-09-27
- Page
- Seite 624 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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624 Sie hat dazu die Form des Sonetts gewählt und hierin gewiß keinen schlechten Griff gethan. Ihr Wunsch ist — und das muß besonders anerkannt werden — durch das, was sie geschaffen, namentlich die weibliche Lesewelt in nachdrücklicher Weise „auf die Reize des Urtextes hinzuweisen." — Mit diesen Zeilen aber möge neben dem weiblichen auch unser männliches Lesepublicum auf die Reize des vorliegenden Werkchens hingewiesen sein. 2) Jules Cohen. So heißt ein unserm Glauben angehörender und in Paris lebender junger Componist, von welchem allgemein die Ansicht vorherrschend, daß er unstreitig unter die Zahl der talentvollsten jüngern Tonsetzer gehöre, die Paris und ganz Frankreich gegenwärtig aufzuweisen habe. In neuester Zeit hat derselbe sich neuen Ruhm verschafft durch die „Chöre", welche er zu zwei Werken Racine's, nämlich zur „Esther" und zur „Athalia" componirte. Es finden diese Chöre überall, wo sie zur Aufführung kommen, den größten Anklang, den entschiedensten Beifall, und werden an ihnen besonders „der ernste Geschmack und der edle Stil der Musik" hervorgehoben. „Wie kann es aber anders sein — schreibt ein namhafter französischer Publicist — wenn der junge jüdische Tondichter aus echtem jüdischen Gemüthe herausgedichtet, wenn er bei der Scköpfung seines Werkes den Pulsschlägen seines wahren jüdischen Herzens die Accorde hat abgelauscht?" — Indessen sind schon zu Racine's Zeiten von einem gewissen Morea (aus Mailand) Chöre zur „Esther" componirt und diese von Racine selber als „ergreifend und den Worten vollkommen angemessen" gelobt worden. Die Chöre Cohen's aber sollen in jeder Beziehung noch bei weitem vortrefflicher sein. 3) „Die Juden von Worms." Vorbehaltlich eines eingehenden Referats über dieses neue fünfactige Volksdrama, wollten wir für heute nur bemerken, daß zu demselben von seinem Verfasser Theodor Gaßmann, wie er selbst sagt, eine ältere „französische Idee" benutzt worden. Und diese Idee ist einem Stücke entlehnt, das vor Jahren in Paris wie in ganz Frankreich ungeheure Epoche machte, weil in ihm die bekannte Mortara-Geschich 1e die Hauptrolle spielte. Das Stück heißt (wie gewiß noch vielen erinnerlich) „La lireuso de carles“ und sein Verfasser ist Victor Sejour, welcher — von französischem Gesichtspunkte aus betrachtet — einen glücklichen Griff darin gethan, daß er dem Kaiser Louis Napoleon durch den Mund einer „Kartenlegerin" die Affaire Mortara Voraussagen und dieselbe ihm „politisch" auslegen ließ. Während aber nun Sejour mit dem Original in der Heimath die glänzendsten Erfolge feierte, ist L. Neumann mit der deutschen Bearbeitung des Stückes hierzulande, was man sagt, „aufs glänzendste durchgefallen." — Nach Jahren nun hat Th. Gaßmann das Sujet wieder ausgenommen und es für ersprießlich erachtet, die Action nach Deutschland und in die Mitte des 14. Jahrhunderts zu verlegen. Er hat — was thut nicht alles ein verlockendes Aushängeschild? — das Stück „Die Juden von Worms" benamset — ein Titel, welcher durch den Inhalt nur insoweit gerechtfertigt wird, als der 1. wie der 5. Act etwas von „Judenverfolgungen, so sich in Worms zutragen", auf die Bühne bringt. Die Hauptfiguren sind: „Rebekkah", eine zwischen Haß und Mutterliebe schwankende Jüdin, und „Spielmann", ein verkommener und verbissener Mensch, in welchem spät erst, aber doch noch nicht zu spät, das bessere Gefühl erwacht. — Das Stück ist, abgesehen von der oft unangenehmen Breite des Dialogs, mit vielem Geschick und richtiger Berechnung der Effecte gearbeitet, sein Erfolg indeß durchaus noch nicht als ein gesicherter zu betrachten. Nächstens mehr darüber. L. Weyl. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus Baden, 1. September. (Schw. M.) Man hatte früher vielseitig befürchtet, daß infolge der Emancipation der Juden und weiter infolge des neuen Niederlassungsgesetzes sowie des neuen Gewerbegesetzes ein hartnäckiger Widerstand gegen die Domicilirung von Juden durch diejenigen Gemeinden erfolgen würde, in denen vor Erscheinen jener Gesetze kein Israelit sich niederlassen konnte. Diese Befürchtung ist nicht eingetreten und es ist erfreulich, zu berichten, daß die Juden überall in den Gemeinden bei ihrer Niederlassung nicht auf Widerstand stoßen. Es zeigt sich dabei, daß die Israeliten die Landgemeinden verlassen und in Stadtgemeinden einwandern. Nur wäre zu wünschen, daß sich jetzt auch dieselben der Ausübung von Gewerben und nicht dem Handel allein zuwenden würden. Baden zählt über 25,000 Juden. Frankfurt a/M., 10. September. (Köln. Z.) In der gestrigen Sitzung der gesetzgebenden Versammlung