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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-09-27 · Heft 40 (27.9.1864) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 40 (27.9.1864)
Date
1864-09-27
Page
Seite 621 (sequence 3)
Language
German
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621 weltliche Macht von jeher der kirchlichen zu Gebote stand? — Wenn es aber die Kirche nicht vermag und wir selbst dem idealen Christenthume jene Heilkraft für die socialen Nebel nicht absprächen, wo ist das ideale Christenthum zu finden? Wo war es jemals zu finden? Die Kirchenväter selbst belehren uns, daß dies nicht einmal in den ersten Jahrhunderten der Fall war. Wie sollen wir vom Arbeiterftande verlangen können, daß er das ideale Christenthum ganz und voll in sich aufnehme, da dies die Geistlichkeit, die Wissenschaft und die Bildung nicht gethan? Wir sehen da allwege nur Worte, aber keine Thatsache. Nicht zu übersehen ist übrigens, daß zuletzt der geistliche Herr doch wieder gerade auch zu den Hilfsmitteln greift, welche Schulze und Lassalle vorschlugen und die er bei ihnen so nichtig fand. Wir gestatten uns daher nur noch, in einem fünften Artikel unsere eigenen Ansichten auszusprechen. lSchluß folgt.) Zur Geschichte der Emancipation der Juden in Oesterreich. Von G. Wolf. Es ist bekanntlich das unsterbliche Verdienst Kaiser Josephs II., daß er die Frage der Emancipation der Juden auf die Tagesordnung setzte. Und wenn er sie auch nicht löste und nicht zu lösen beabsichtigte, wie sie in Frankreich einige Jahre nachher gelöst wurde und wie sie heute als unbestrittenes Postulat von allen Männern aufgestellt wird, die in Wahrheit einen Rechtsstaat haben wollen; so ist es nichtsdestoweniger ein unsterbliches Verdienst des genannten Kaisers, daß er diese Frage vom humanistischen Standpunkte auffaßte. Bis dahin gab es keine Judenfrage. Man hielt das Judenthum für den Ausbund aller Thorheilen, Lächerlichkeiten und Schlechtigkeiten und die Juden als dem Gemeinwohle schädlich, die nur in der Beziehung nützlich waren, daß sie Steuern zahlten. Nachdem man kein anderes Object hatte, welches in der Weise steuergiebig gewesen wäre und man auf die Steuern selbst nicht verzichten konnte und wollte, so kam man auf den Gedanken, die Juden zu reduciren, und das Probateste war das Gesetz, welches eine bestimmte Anzahl von jüdischen Familien in je einem Kronlande festsetzte. Kaiser Joseph II. suchte die Juden zum Staalsbürgerthum heranzuziehen und sie zu Menschen zu bilden. Wiederholentlich äußert er sich in Rescripten, daß er durchaus nicht wünsche, die Anzahl der Juden zu vermehren, aber die bestehende Anzahl sollte gebildet und zum Staatsbürgerthume herangezogen werden. Er verwendete hierzu zweierlei Mittel. Er erweckte das Selbstgefühl der Juden, indem er die schmachvollen Judenzeichen und den Leibzoll aufhob und ihnen den Weg eröffnete, bürgerliche Gewerbe zu treiben.*) Andererseits suchte er die Bildung unter den Juden zu befördern und sie in solcher Weise gleichsam von innen herauszuheben. Es ist nicht die Aufgabe dieser Zeilen, diese Momente näher zu erörtern, und wollten wir dieselben blos mit wenigen Strichen charakterisiren und den Umschwung der Anschauungen bezeichnen. — Bis zur Regierung des Kaisers Joseph betrachteten die Behörden die Juden im allgemeinen für Ungeheuer in Menschengestalt. Kaiser Joseph betrachtete sie als Menschen, aber in verzottelter, verzerrter Gestalt, in welcher erst das Bild der Gottähnlichkeit von Schmutz und Flecken gereinigt werden mußte und der edle Kern aus der verwahrlosten Schale entfernt werden. Erinnern wollen wir nur gelegenheitlich daran, daß diese Reformen nach innen unter den Juden auf heftigen Widerstand stießen. Die Errichtung von Normalschulen, die allgemeine Militärpflichtigkeit, das Begraben der Todten, nachdem sichtbar die Zeichen des Todes eingetreten sind, die deutschen Namen rc. wurden theilweise als Befehle, welche direct gegen das Judenthum gerichtet sind oder, wenn ausgeführt, zum Abfalle vom Judenthume führen, betrachtet. Die Errichtung von Normalschulen und der Besuch derselben wird bekanntlich noch heute von manchen Rabbinern als der Weg, welcher zum Abfall vom Judenthume führt, bezeichnet. Ebenso konnten sich die Juden nur schwer entschließen, in die Reihen des Militärs einzutreten, und ist die Rede, welche der Rabbiner Ezechiel Landau in Prag 1789 an die Rekruten hielt,**) die wir im Ben-chananja mittheilten, von be- *) Friedrich II. in Preußen erließ eine Verordnung, Potsdam, 8. März 1780, „daß die vom Adel auf ihren Gütern sich weiterhin keiner Juden bei ihren Oekonomie- und Wirthschaftsangelegenheiten bedienen, sondern die in Schlesien tolerirten Juden sich lediglich mit dem Commercio und Handlung beschäftigen sollen." Als die Hofkanzlei daraus antrug, ein ähnliches Gesetz in Oesterreich einzusühren, wies der Kaiser diesen Vorschlag zurück. **) Im Jahre 1809, während der Kriegszeit, waren 40*

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