Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1864)
- Date
- 1864-09-27
- Page
- Seite 620 (sequence 2)
- Language
- German
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Ansichten auch sind, so kann doch nicht geleugnet werden, daß die Gesellschaft, innerhalb welcher der Arbeiterstand mit aller seiner Thätigkeit doch nur einen so unzulänglichen und gefährdeten Erwerb hat, auch Verpflichtungen hat gegen den Arbeiterstand, namentlich, wo es die Ergänzung seiner beschränkten Mittel z. B. für die Kranken- und Jnvalidenkassen der Arbeiter betrifft. Auch hierfür stellt die h. Schrift principiell das Borbild auf; denn sie gebot, den Dürftigen die Ecken der Aecker, die Nachlese, den zweiten Zehnten des dritten Jahres und die freie Frucht des siebenten Jahres zu überlassen. So wenig wir daher den beiden angeführten Systemen eine volle Geltung und eine vollständige Wirksamkeit zusprechen können, so ist es doch ungerechtfertigt, ihnen alle Wahrheit und Berechtigung abzusprechen und sie nicht als befruchtende Joeen anzusehen, die, eorrigirt und entwickelt, vieles zu leisten vermögen. Was ist es nun, was der Herr Bischof zum Vorschlag bringt? Der Leser kann es im voraus wissen. Er meint, nur das Christenthum vermöge dem Arbeiterstande zu helfen. Freilich gesteht er selbst ein (S. 103), daß „es sich jetzt noch nicht bestimmen läßt, welche neuen Wege die christliche Liebe und der christliche Geist einschlagen wird, um aus der socialen Noth einen neuen großen Triumph des Christenthums zu bereiten." Er sagt: „Ich bin daher auch weit entfernt, mir anzumaßen, schon jetzt alle die Wege und Mittel, durch die das Christenthum nach diesem Ziele streben wird, vorherbestimmen und gleichsam in einem fertigen System abhandeln zu wollen." Dies ist freilich sehr wenig und wir hätten nach der genauen Kritik aller Principien, Vorschläge und Maßnahmen doch etwas Bestimmteres und Specielleres erwartet. Der Herr Bischof gibt nur eine Anweisung auf die Zukunft... Um diese respectiren zu können, müßten wir aus der Vergangenheit untrügliche Beweise für die volle Zahlungsfähigkeit haben. Aber wie? Ist denn das Christenthum etwas Neues? Tritt es jetzt erst auf? Hat es nicht bereits 18 Jahrhunderte hinter sich und unter diesen lange Zeiträume der Vollkraft und unbedingten Herrschaft? War es, als es noch keine „liberalen Ansichten und Parteien", noch keine Gewerbe-, Handelsfreiheit und Freizügigkeit gab, als die „Autorität", die unbeschränkte Macht war, war es damals im Stande, der socialen Noth abzuhelsen, dem socialen Elend des Volkes während des Mittelalters und der Leibeigenschaft Abhilfe zu schaffen? Kann es uns daher genügen, auf die Zukunft desselben verwiesen zu werden? Wir wollen nicht polemisirenwir wollen weder Thatsachen anführen noch bestreiten, aber wir müssen doch eine Lösung, die sich noch dazu als einzig mögliche und richtige behauptet, für höchst unzulänglich erachten, wenn sie so gar nichts Bestimmtes, den drängendsten Uebelständen und Nöthen gegenüber, anzugeben vermag. Der Herr Bischof hob immer hervor, daß das Volk nichts weiter als Brot verlange und daß die Liberalen mit allen ihren Institutionen und Vorschlägen kein Pfund Brot böten: muß er sich nun nicht fragen, ob seine kirchliche Hand dem Volke etwas bringe, was wie Brot wiegt? Kann er dies nicht bejahen, so durste er auch seine Gegner dessen nicht zeihen. — Indessen der Herr Bischof geht doch in Einzelnes ein. Ihm ist das Christenthum die Kirche und selbstverständlich die katholische. Welche Hilfsmittel bietet er nun durch die Kirche dem Arbeiter an? Zuerst: Kranken- und Alterversorgungsanstalten, welche die Kirche gründen werde; dann die christliche Familie, die Keuschheit der Sitte; dann den erhöhten Werth, den der Lohn durch die kirchliche Frau für den kirchlichen Arbeiter hat — diesem gegenüber steht dem Herrn Bischof nur der liederliche Mann und das Liederliche Weib; — ferner: die wahre Bildung, die nur die Kirche bietet, die Hinweisung auf das Jenseits, welche machen wird, daß der arme Arbeiter den reichen Menschenbruder nicht beneiden werde, endlich die wahre Genossenschaft in der Gottes- und Nächstenliebe, während der Inhalt der liberalen Vereine, z. B. des Consumvereins, der den Mitgliedern wohlfeilere Lebensmittel bietet, nur die — Selbstsucht sei, Productiv-Associationen, zu denen die Capitalien durch die christliche Liebe geschafft würden. Wie gesagt, wir polemisiren nicht, wir führen die Mittel, die der Kirchenfürst als die feiner Kirche aufzählt, einfach an — die Beurtheilung liegt so nahe, wenn wir auf die Zustände der Länder sehen, in welchen die katholische Kirche eine hohe, gebietende Stellung einnimmt, in welchen die Masse des Volkes noch vollen kirchlichen Sinn hat — wie dies der Herr Bischof selbst wiederholt rühmt — und daselbst prüfen, inwiefern dort die sittlichen Zustände mit den hier als Wirkung der Kirche gepriesenen wirklich übereinstimmen, und welche die bereits für diese Zwecke in Angriff genommenen Anstalten und Einrichtungen sind. Es gibt deren genug, welche von dort das gerade Gegentheil aussagen. Wie? Müßte dann nicht wenigstens der Kirchenstaat solche Zustände darbieten? Müßten nicht in diesem alle die Hilfsmittel der Kirche ihre volle Kraft entwickelt haben, wo doch alle