Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-09-20 · Heft 39 (20.9.1864) · p. Seite 611

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 39 (20.9.1864)
Date
1864-09-20
Page
Seite 611 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226458--22457-3259730
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

611 der Schnupftabaksdose sei schon seit 30—40 Jahren in K. Sitte gewesen, ohne daß jemand sich darüber beklagt hätte." Hierauf erwiderte aber der Präsident mit Entrüstung: „Das wundert mich sehr; das ist in unseren christlichen Kirchen nicht erlaubt, ist ruhestörend und unanständig und wird solcher Unfug auch wohl in keiner anständigen jüdischen Gemeinde geduldet werden." Ebenso hat auch der königl. Oberprocurator die Aeußerung gemacht: „Mir ist gar zu wohl bekannt, wie es dort in der Synagoge hergeht, der Unfug muß endlich aufhören." — Wo solche Zustände herrschen und die Vorsteher gewissenlos aus Verwandtschafts- oder anderen Rücksichten nichts sehen wollen, da ist es heilige Pflicht der Lehrer, ähnliche Fälle ungescheut zur Kenntniß der Behörde zu bringen. Wir glauben daher, daß der betreffende Lehrer und Cantor sich um die Gesammtheit verdient gerüacht hat, und wünschen, daß diese Mittheilung dazu beitragen möge, solche Unanständigkeiten und Ungezogenheiten für immer aus den Synagogen fernzuhalten. Berlin, 11. September. (Privatmitth.) Am 1. October, als dem ersten Tage Rosch-haschanah, wird die neue Synagoge eingeweiht. — Bekanntlich war der verst. Medicinalrath Dr. Casper ein getaufter Jude. Testamentarisch hat er eine große Summe zu Stipendienstiftungen für Studirende vermacht, aber ausdrücklich alle Juden ausgeschlossen. Man zieht daraus zwei Lehren: erstens, was man von getauften Juden im allgemeinen noch immer zu halten habe, zweitens, wie gerechtfertigt noch immer Stipendienstiftungen ausschließlich für Juden sind. Die von Ihrer Zeitung gebrachte Kunde von der Goldschmidt'schen Stiftung in Kassel hat daher große Freude bereitet. — Folgender Bericht aus Genf hat hier allgemeine Billigung gefunden: Bei der Leichenfeier Lassalle's in Genf hat sich ein eigenthümlicher Zwischenfall zugetragen. Lassalle war als Jude gestorben und hatten daher seine Freunde zu der Feiereinen Rabbiner herangezogen. Die katholisch gewordene Schwester Lassalle's hat hiergegen opponirt, worauf der Rabbiner sich mit den Worten zurückzog: „Wir mischen uns nicht in Familiensachen und Haschen weder nach einer Seele noch nach einem Körper; es ist mir daher völlig gleich, ob der Verstorbene auf einem jüdischen oder einem andern Kirchhofe begraben wird." Auö Westfalen, im August. (Privatmitth.) Die in Nr. 34 d. Bl. dargestellten Zustände des jüdischen Gottesdienstes sind leider zu wahr, als daß man dagegen etwas einwenden könnte. Wir geben auch zu, daß der Mangel an Andacht und Anstand in dem veralteten Gottesdienste, namentlich durch die langanhaltende Vorlesung des Wochen-Abschnitts aus der Thora, seinen Grund haben mag, wodurch die Mehrzahl zur Langweile getrieben, indem diese, wegen Unkenntniß der Sprache, während der Vorlesung nicht weiß, was verlesen wird. — Abhilfe thut daher noch; dieselbe kann und darf aber nicht durch die einzelnen Gemeinde-Vorstände kommen, indem wir dann ebenso viel Reformarten als Gemeinden hätten. Es ist Sache der Rabbinen, daß sie den Gottesdienst regeln, daß sie ein Gebetbuch fürs ganze Jahr incl. der Feiertage verfassen, daß sie den dreijährigen Cyclus der Thoraverlesung gutheißen und das Ganze den Gemeinden zur Annahme empfehlen. Von letzteren würde ein großer Theil gleich zugreifen*) und der Rest sich mit der Zeit anschließen. Auf diese Weise käme Einheit in den Gottesdienst und Zuversicht zur Sache, indem der Laie im Augenblicke, wo er sich vom Alten trennt, sein Inneres damit beschwichtigt, daß die Reform nicht von unten — vom Volke — sondern von oben, von der Geistlichkeit empfohlen sei. Oesterreichischer Kaiserstaat. Gran, im September. (Privatmitth.) Die hiesige Gemeinde, die nahe an 120 Familien zählt, hat in jüngster Zeit einen prachtvoll ausgeschmückten Tempel erbaut und besitzt auch eine zweiclassige Schule. Dennoch leidet die Gemeinde an religiösem und humanem Sinn und Leben und an allen diesem entsprechenden Instituten, und wir müssen allerdings die geistliche und gemeindliche Leitung dafür verantwortlich machen; so z. B. liegt die Sabbathfeier gänzlich darnieder und die Synagoge ist wegen des Wochenmarktes, der auf den Sabbath fällt, wenig besucht; an den hohen Feiertagen ist Streit und Hader nicht selten, weil die Gemeinde keine Statuten besitzt und daher alles der Willkür preisgegeben ist. Der religiöse Unterricht liegt *) Oder auch nicht! Die früheren Rabbiner-Versammlungen haben es erwiesen. Die Redaction. 39

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.