Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 39 (20.9.1864)
- Date
- 1864-09-20
- Page
- Seite 606 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226458--22452-3259725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
606 davon wollen wir nur einige Beispiele geben. In Nr. 30 heißt es aus Frankreich: „Im israelitischen Central- Consistorium zu Paris sprach sich merkwürdigerweise der bekannte Dr. Albert Cohen für die Erhaltung der weltlichen Macht desselben Papstes aus, der den Knaben Mortara noch immer seinen jammernden Ellern vorenthält und in dem Kerker eines römischen Klosters zum Katholicismus zwingt." Unser verehrter Hr. Albert Cohen wird sich für diese Verwechselung mit dem journalistischen Scribenten Cohen höslichst bedanken. Der letztere sprach sich übrigens nicht im „israelitischen Central-Consistorium" sondern im Journal la France aus und mußte deshalb nicht allein sein Journal la VeriltS isra&ite aufgeben, sondern auch seine Stellung im Departemental-Consistorium der Seine. Es wird auch aus Paris gemeldet: „Einer von den beiden in Paris stehenden Missionaren hat dort 1862 einen jüdischen Dr. M... getauft, welcher aus innerster Herzensüberzeugung Christ geworden ist." Hierbei fällt nicht sowohl die zarte Schonung für den vr. M..., dessen Name uns somit unbekannt bleibt, auf, als die Bemerkung, daß er sich aus wahrer Ueberzeugung getauft habe, womit den anderen 115 Proselyten des Jahres 1862 kein gutes Zeugniß ausgestellt wird. Weiterhin heißt es: „Gehen wir nach Belgien. — Hier hat die völlige Ernancipation das Judenthum fast vernichtet, Synagogen stehen leer, Rabbiner sind ohne Einfluß und ohne Gemeinden, Tausende von Juden verleugnen ihre Herkunft, so daß bei der letzten Volkszählung in ganz Belgien nur 1336 sich als Juden bekannten." In diesen Worten ist alles unwahr. In Belgien wohnen aus historischen Gründen nur wenige Juden, vor zwölf Jahren zählten sie nicht ganz 1000; wenn also jetzt die Zählung 1336 ergab, so haben sie sich nach Verhältniß sehr bedeutend vermehrt. Es gibt in Belgien nur einen Rabbinen, der verehrte Groß-Rabbiner vr. Loeb in Brüssel, denn es bestehen außer Brüssel und Antwerpen nur noch einige wenige ganz kleine Gemeinden. Die Synagogen stehen nicht leer und man muß selbst in Brüssel an einen Neubau in vergrößertem Maßstabe denken. Aus diesen Beispielen kann man sich ein Urtheil bilden. Wohl aber möchten wir die Herren Berichterstatter der Judenmission auffordern, für folgende Behauptung die Beweise zu liefern: „Jüdische Schulen haben sich schon vielfach dem Zeugniß der Wahrheit geöffnet, und die angeknüpften freundlichen Verbindungen mit jüdischen Lehrern versprechen wichtig zu werden." Welche sind diese jüdischen Schulen? Nennt sie uns doch! Thut ihr das nicht, so gehört auch diese Auslassung zu den Mitteln, eine erfolglose Sache mit dem Scheine des Erfolges zu bemänteln. In diesen Tagen kam uns aus Baiern ein Bogen aus dem dritten Bande einer katholischen Zeitschrift „Chilianeum" zu, in welchem eine „Rundschau" enthalten. Diese Rundschau hat es bunt untereinander mit Juden, Protestanten und nichtultramontanen Katholiken zu thun; aber die Kirche könnte mit Recht ausrufen: Herr, schütze mich vor meinen Freunden; mit meinen Feinden will ich schon selbst fertig werden. Solch ein Gewäsch, das geistreiche Ironie sein soll, ist uns seit langer Zeit nicht vorgekommen. Die Rundschau beginnt mit dem Volkskalender von Berthold Auerbach auf 1863, und zwar mit den Worten: „Das Judenthum legt den Harnisch an und hat sogar einen Goliath, welcher Berthold Auerbach heißt." Es scheint, der Rundschauer weiß nicht, daß Goliath kein Israelit, sondern ein Philister gewesen ist, daß er also höchstens Auerbach mit David und sich selbst mit Goliath vergleichen konnte Doch wird er selbst hierzu zu bescheiden gewesen sein. Seinen Unwillen erregt eine Erzählung von Moritz Hartmann, welche eine sogenannte Wundergeschichte des Abtes von Heiligenhain behandelt. Aber worin besteht die Widerlegung oder Beurtheilung dieser Erzählung? In nichts anderem, als daß Berthold Auerbach eigentlich Baruch und Moritz Hartmann eigentlich Moses oder Mauschel heißen müßte. Wohl gebrüllt, Michel, Hans oder Peter! — Seinen höchsten Unwillen erregt aber das wiener Abgeordnetenhaus, welches am Versöhnungstage wegen seiner zwei jüdischen Mitglieder keine Sitzung hielt. Er druckt dabei aus-— der „„Wiener Kirchenzeitung"" ein verfuschtes und verfälschtes Gebetstück aus einer Selichah ab. Das sind noch immer dieselben Leute, die, weil sie nicht mehr die Juden selbst auf die Folterbank spannen können, um ihnen Geständnisse, wie sie ihnen belieben, auszupreffen, die altjüdische Literatur foltern, martern und verstümmeln, um ihr Bekenntnisse abzupressen. Aber die Zeit ist vorüber, wo auch dieses Berücksichtigung findet. Bon Hamburg wurde uns in diesen Tagen eine kleine Schrift: „Vorträge über die Maurerei für denkende Brü-