Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 39 (20.9.1864)
- Date
- 1864-09-20
- Page
- Seite 604 (sequence 2)
- Language
- German
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604 theuer bezahlen muß, somit ganz in derselben Lage ist wie durch die Concurrenz. Diese macht die Maaren wohlfeiler; gibt sie dem Producenten dadurch einen geringeren Lohn, so gibt sie ihm auch alle seine Lebensbedürfnisse wohlfeiler. Erhält z. B. ohne die Concurrenz der Schneider einen höheren Lohn, weil die von ihm producirte Maare theurer bezahlt wird, so muß er dafür den Schreiner, den Schuhmacher, den Weber, den Bäcker, den Fleischer u. s. w. auch theurer bezahlen, weil deren Maaren unter demselben Schutze, den er genießt, auch theurer sind. Wir sagen auch wie der Hr. Bischof, daß die Concurrenz die Maaren wohlfeiler gemacht hat, denn der höhere Preis in unserer Zeit ist nur scheinbar höher, weil die Geldwerthe sich so ungemein vermehrt haben und das Geld dadurch wohlfeiler geworden. In Wirklichkeit bezahlen wir jetzt die Waaren viel wohlfeiler als vor hundert Jahren. — Mit dieser kurzen Auseinandersetzung fallen die Argumente des Herrn Verfassers sofort zusammen, und es geht eben hieraus theoretisch die Richtigkeit dessen hervor, was factisch und statistisch erwiesen ist: daß das Elend, so groß es auch noch ist, doch nicht größer, sondern geringer geworden ist. Und daß diese Wahrheit eine viel größere Ermunterung für das Fortstreben auf diesem Gebiete ist, als die trostlose Verdammung aller großen Principien, als jede nur ins Schwarze malende Kritik, sieht jedermann leicht ein. — Der Zunftzwang hat allerdings einer kleinen Zahl von Menschen ihr Brot zugesichert, aber er hat es zahllosen anderen vorenthalten und allen die Lebensbedürfnisse theuer gemacht. Der Schutzzoll und die Absperrung haben freilich einigen Personen großen Gewinn gebracht, aber nur auf Kosten zahlloser anderer. Ueberhaupt läßt sich Industrie und Handel, so lange sie noch in den Kinderschuhen stehen, wohl durch Schranken und Zwang abgrenzen, sobald sie aber aufwachsen und erblühen, spotten sie aller künstlichen Einschränkungen oder sie sterben ab in dem Lande des Zwanges, während sie in den Nachbarländern nur um so mehr sich entwickeln; jenes verarmt, in diesen gedeiht der Wohlstand. Was hat man nicht in Deutschland gesonnen und versucht, um Fabrik und Handwerk voneinander abzugrenzen, aber alle Definitionen und Bestimmungen scheiterten an der Wirklichkeit, man muß jene aufgeben, wenn man dieses schützen will. Wo in einem Lande das Fabrikwesen ersteht, ist der Gewerbezwang sofort illusorisch und wenn er auch noch auf dem Papiere steht. Ueberhaupt muß man diese Dinge, will man nicht immerfort irregehen, aus dem großen Ganzen erfassen und sich nicht an einzelne Erscheinungen halten. Durch die Entwickelung der einen Industrie schwindet eine andere; Einzelne werden dadurch hart betroffen, aber nach kurzer Zeit haben sich die Verhältnisse geordnet und die aufgekommene Industrie ernährt mehr Menschen und besser als früher die herabgekommene. Und ist es nicht ebenso mit der Freizügigkeit? Die Schrift lehrt, daß die Zerstreuung der Menschen ein Werk Gottes gewesen, und soweit unser Blick durch die Geschichte reicht, haben Auswanderung und Colonisirung eine stete Rolle gespielt, und wenn es wahr ist, daß dadurch manche Bande gelöst werden, so ist es nicht minder wahr, daß sich dadurch neue, feste und solide Bande knüpfen. Der Herr Bischof klagt, daß durch die Freizügigkeit den Arbeitern in einem Lande durch den Zufluß aus anderen Ländern das Brot genommen werde. Das ist zu beklagen; aber hat er nur Mitleid mit den hungernden Arbeitern des einen Landes und nicht mit denen des andern? Ist doch im großen der Zufluß von Arbeitern nur dahin gerichtet, wo es mehr Arbeit gibt, wie das Getreide dahin geschafft wird, wo daran Mangel ist. Nein! es ist einmal das von Gott dem Menschengeschlechte gesetzte Ziel, daß, wie die Familien zu Stämmen, die Stämme zu Völkern zusammenwuchsen, so auch alle Völker zu einer großen Menschenfamilie sich verbinden sollen, und wie darum in einem Volke die Familie nicht verschwinden soll und nicht verschwindet, so brauchen auch darum die Völker als solche in dem großen Menschenvereine nicht zu verschwinden und werden es nicht. Zu diesem großen Ziele bedarf es aber in materieller Beziehung der Handelsfreiheit, der Gewerbefreiheit und der Freizügigkeit. Sie mögen zeitweise einige Nachtheile mit sich bringen; in der Entwickelung werden sich diese ausgleichen; niemals aber gleichen sie den Nachtheilen, welche im Zwange und in der Absperrung liegen, und wenn diese letzteren für gewisse Zeiten passend und nothwendig waren, dem Ritterthum und der Leibeigenschaft gegenüber und um die Gewerbe heranzuziehen, so würden sie jetzt verderblich und unerträglich sein. Der Fuß des Erwachsenen kann nicht mehr in den Kinderschuh hineingezwängt werden, und wenn dieser dem Kindesfuße noch so schön stand und nützte. Der indische König bestimmte ehemals die Preise aller Waaren nach einem Procentsatz des Gewinnes für den Kaufmann, und Noth, Mangel, Hunger waren das Loos des indischen Volkes: das ägyptische Kastenwesen war das Ideal der gewerblichen Ordnung; aber das Volk