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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-09-13 · Heft 38 (13.9.1864) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 38 (13.9.1864)
Date
1864-09-13
Page
Seite 595 (sequence 9)
Language
German
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595 voraus oder zurück — je nachdem man dieses als einen Fort- oder Rückschritt betrachtet. — Eine Abkürzung des Gottesdienstes erscheint umsomehr als dringend geboten, wenn man bedenkt, daß die stndirende Jugend durch dessen Länge factisch von demselben ausgeschlossen wird. Ein anderer Wunsch ist, daß dem deutschen Elemente bei demselben mehr Rechnung getragen werde. Es bedarf keiner besondern Motivirung dieses Wunsches und wird derselbe allgemein auch außerhalb Wiens ausgesprochen. Freilich müßte der integrirende Theil des Gottesdienstes hebräisch bleiben, wenn man nicht das Band, das alle Juden umschließt, gewaltsamer Weise durchschneiden wollte. Diese gerügten Uebelstände werden allgemein gefühlt. Der Vorstand will jedoch diesen, wie ähnlichen anderen, nicht abhelfen, weil er Rücksicht auf die sogenannte orthodoxe Partei nimmt. Es fragt sich jedoch, ob es praktisch ist, die Mitglieder der Haupt- und Muttergemeinde von sich abwendig zu machen, ohne dadurch die anderen zu gewinnen. Es entsteht durch dieses ewige Nachgebcn, durch die Furcht vor einem Schritte vorwärts eine Stagnation, welche die hiesigen Institutionen zu bedrohen anfängt, und es stehen uns Zeiten bevor, wie diejenigen waren, als eben der alte Tempel ins Leben gerufen wurde. Bevor wir in der Entwickelung unserer Ansichten weiter fortfahren, müssen wir bemerken, daß es uns ganz ferne liegt, irgendwie einen Religiouszwang auszuüben oder denselben befürworten zu wollen. Wir sind jedoch der Ansicht, daß eine Gemeinde nicht verpflichtet ist, aus Gemeindemitteln die Wünsche von Fractionen zu befriedigen, weil dies auch — falls sie sich nicht zum Gewissensrichter machen will — eine Unmöglichkeit ist; denn es werden dann eine Masse von Religionsgemeinden entstehen, wo eben in« bs Ich habe bisher blvs von dem Gotteshause gesprochen. In der wiener Gemeinde handelt es sich zunächst nicht um einen Principienkampf, ob man etwa die Feier des zweiten Festtages abschaffe re., diese Dinge macht jeder mit sich selbst ab. Diejenigen, die trelä essen, am Sabbath rauchen und Geschäfte treiben wollen rc., wünschen dazu keine besondere Ermächtigung irgend eines religiösen Oberhauptes. Sie thun diese Dinge ohne besondere Erlaubniß. Man muß auch andererseits bedenken, daß diese genannten Orthodoxen hier nicht so gewitzigt sind wie anderswo. Bei den hiesigen Orthodoxen, mit Ausnahme einiger weniger „Schreier", die weder zählen noch zahlen, handelt es sich auch nicht, um Principien auszusprechen. Sie wollen in ihrer Weise beten und mehr oder weniger Piutim sagen. Im übrigen finden sie hier die Institutionen eines frommen jüdischen Gemeindelebens. Sie denken auch nicht im entferntesten daran, von der Großgemeinde abzufallen — was auch höchst unpraktisch und unvernünftig wäre — wie sich dieses erst neuerdings bei der Gelegenheit zeigte, als diese Herren daran gingen, ein Bethaus zu erbauen; indem sie davon dem Vorstande die Anzeige machten, erklärten sie auf das nachdrücklichste, durchaus nicht von der Gemeinde abfallen zu wollen. Als fernerer Beweis, daß diese Herren mit dem Gemeindevorstande einverstanden sind, geht daraus hervor, daß sie alljährlich bei den Ergänzungswahlen zum Vorstande durchaus nicht oder nur in sehr geringer Weise den Versuch machen, Männer ihrer Partei in den Vorstand zu bringen. Vorausgesetzt, daß diese Anschauungen der Verhältnisse richtig sind — und wir haben diese Anschauungen nach jahrzehnt-langen Beobachtungen gewonnen — so sehen wir nicht ein, welcher Grund vorhanden sein kann, um die nothwendigen Reformen nicht vorzunehmen. Wir gestehen auch aufrichtig, wir sehen nicht ein, welches Unglück dadurch für die Großgemeinde entstehen würde, wenn sich einige „Schreier", die weder über geistige noch über materielle Mittel zu verfügen haben, von ihr entfernen möchten — denn wie bereits bemerkt, beabsichtigt die große Fraction der sogenannten Orthodoxen, die sehr ehrenwerthe und geachtete Mitglieder in ihrer Mitte zählt, durchaus nicht, sich von der Gemeinde zu trennen. Freilich kann man mir einwenden, wenn die Gemeinde die Fahne der Reform erheben würde, wer weiß es, wieweit sie gehen oder wohin sie gedrängt werden möchte. Wie leicht könnte es geschehen, daß eine Partei auftrete, welche die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag, die Abschaffung der Beschneidung rc/ auf ihre Fahne schriebe. — Hierauf anworten wir, daß unserer Ansicht nach, wie bereits bemerkt, es hierin sich nicht darum handelt, gewisse Principienkämpfe auszufechten. Bis jetzt ist auch die Regierung eine Schutzwehr für die Beschneidung. Wir glauben nicht, daß die Zukunft des Judenthums von den Ansichten der Regierung abhängt, aber wir wollten nur gesagt haben, 38

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