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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-09-13 · Heft 38 (13.9.1864) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 38 (13.9.1864)
Date
1864-09-13
Page
Seite 594 (sequence 8)
Language
German
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591 Ich will es nun versuchen, meine Meinung über die eingangs gestellte Frage zu geben. Ich muß vorausschicken, daß ich bisher zu den eifrigsten Vertheidigern der Einheit der Gemeinde gehörte. Ich betrachtete sie als die schönste Zierde und Krone der wiener Gemeinde, und wahrlich, ich würde ihr heute noch das Wort reden, wenn ich nicht eben durch die Erfahrung eines andern — ob Bessern, will ich vorläufig nicht entscheiden — belehrt worden wäre. Der Gottesdienst, wie er seit mehreren Decennien in Wien besieht, ist bekanntlich die Folge eines stillschweigenden Compromisses. Die einen wollten zur Zeit der Errichtung des alten Tempels den Hamburger neuen Ritus eingeführt sehen; die anderen wieder wollten nicht vom Alten abweichen. Da war es eben das große Verdienst Mannheimer's, welcher die Gegensätze vereinigte und die Gemeinde verband. Er hat dem alten Ritus eine neue gefällige Form gegeben und machte aus einer Wildniß einen Garten, wo die Pflanzungen Gottes wuchsen und gediehen. In vollem Maße die Verdienste Mannheimer's anerkennend und würdigend, weil er dieWünsche der besten seiner Zeitgenossen befriedigte, wäre es doch eitle Täuschung, zu glauben, daß dieser Gottesdienst für alle Zeit genügen und befriedigen könnte. „Auch Patroklus starb und war größer als du." Der Gottesdienst, wie ihn Moses, David, Salomon, Esra und die Männer der großen Versammlung rc. ins Leben gerufen, hat Veränderungen erlitten, wie könnte man glauben, daß gerade der wiener Gottesdienst für ewige Zeiten bestehen sollte? Der Prophet, der die Reihe der Weissagungen geschlossen, dem eine reiche Erfahrung zu Gebote stand, spricht daher auch blos von der Unveränderlichteit Gottes und von der ewigen Dauer Israels arrha nb apy ->:a onsn tp:i» sb 'n -ok ’a (Maleachi 3, 6.), woraus eben hervorgeht, daß die religiösen Anschauungen und Bestrebungen der Israeliten rc. dem Wechsel unterworfen sein werden. Und wahrlich, der Prophet hätte blind und blöde sein müssen, wie manche unserer Ultras, hätte er das Gegentheil behaupten wollen. Der Sabbathgottesdienst in Wien, wir greifen zunächst dieses Moment heraus, hat zunächst den Fehler, daß er zu lange dauert und daher entschieden an Erbauung verliert, da gewöhnliche Menschenkinder nicht 2 bis 3 Stunden hintereinander andächtig sein können. Auch unsere Altvorderen waren nicht so andächtig und haben sich deshalb die Zeit durch Plaudern rc. verbracht — was man eben jetzt nicht dulden will. Dazu kommt noch, daß ein großer Theil der Leute eben nicht Zeit hat, zwei oder drei Stunden dem Gottesdienste zu widmen. Es sind Geschäftsleute. Ich weiß wohl, daß bei diesem Worte manche ganz verdutzt und erschreckt ausfahren und mir diesen Grund sehr übelnehmen werden. Sie werden sich verwundern, wie man diesem Grunde Rechnung tragen will, andere wieder werden das Anathema über diese D^bs-iar aussprechen und sie in Acht und Bann legen, vielleicht auch den Schreiber dieser Zeilen, der diesen Gegenstand einer Erörterung unterzieht. Doch gemach, ihr Herren. Wir wollen ruhig die Sache besprechen. Meines Wissens heißt es: 'asbnb rrrnn nana sb miar-i, die Thora wurde eben sündigen Menschen gegeben. Der Sabbath jedoch scheint zu allen Zeiten nicht in seiner vollen Weise gefeiert worden zu sein. Wir erinnern nur daran, daß der Prophet Jesaias (56, 2. und 4.) demjenigen das Heil verheißt, der den Sabbath beobachtet und ihn nicht entweiht. Es scheint also, daß zu jener Zeit die Sabbathfeier keine allgemeine war. Auch der Prophet Jeremia warnt das Volk, daß es keine Lasten trage am Sabbathtage (17, 21.), und fügt hinzu, daß die Vorältern dicses Gebot nie beobachtet haben u. s. w. Es ist uns jedoch nicht bekannt, daß die Propheten diejenigen, die den Sabbath entweihet, für 'binar ’J'ara erklärt hätten, und dürfte wohl kaum oft der Fall eingetreten sein, daß die Sabbathschänder mit dem Tode bestraft wurden. Wir wollen nicht etwa mit dem Gesagten diejenigen, die den Sabbath entweihen, vertheidigen, ebenso wenig aber können wir uns entschließen, sie als aus dem Israel. Volke und Glauben ausgetreten zu betrachten. Wir glauben vielmehr, daß wir auf sie in vollem Maße Rücksicht nehmen müssen. Thatsächlich ist es nun, daß in den wiener Tempeln im Laufe des JahreS kaum der zehnte Theil der Anwesenden wiener Juden sind. Ein Theil derselben hält offen und frei die Comptoirs geöffnet, die anderen gehen durch eine Hinterthüre in dieselben, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich bemerken, daß ich schon oft Hausirer aus Kobelsdorf, Maltesdorf, Eisenstadt rc. an Sabbathen im Sabbathgewande eine Cigarre rauchend gesehen habe, und stehen die wiener Juden in der Beziehung den Landjuden, wo öfters sehr fromme Rabbiner ihr Amt versehen, nicht

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