Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1864)
- Date
- 1864-09-13
- Page
- Seite 592 (sequence 6)
- Language
- German
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592 Ich habe nun auch die populäre Bearbeitung von Strauß' „Leben Jesu" durchgelesen, ohne besondere Befriedigung, selbst nicht hinsichtlich der Popularität, zu finden, da doch das fortwährende Streben, daß Ev. Johannis gegen die Synoptiker herabzusetzen, nie etwas fürs allgemeine Publicum sein kann. Und dann ist da wieder der alte längst abgethane Trödel von deul Rachegott Jehovah zu finden, von dem verstockten Judenvolke, von der rein mechanischen Frömmigkeit des Judenthums, von dem Borherrschen des Pharisäerwesens! Und das alles ist mit großer Unredlichkeit behandelt worden, nämlich mit Verschweigung und Verstümmelung der bekanntesten Sätze aus den jüdischen Urkunden, wenn solche für den vorliegenden Zweck nicht zu gebrauchen waren, den Zweck, das eigentliche Christenthum erst mit der Sinnesänderung des Apostel Paulus anfangen zu lassen, der es freilich mit Recht einsah, die neue Secte könne sich nicht halten, wenn sie nicht die Schranken der Nation und des Ceremonialgesetzes überschritt. Da mußte man denn auch den Inhalt der Schriften des Neuen Testamentes als größtentheils dem Kampfe des Judenchristenthums mit dem (paulinischen) Heidenchristenthume gewidmet bezeichnen, eine Operation, bei der uns Juden um so weniger eine Einmischung zusteht, als sie den Hauptinhalt der heutigen deutsch-protestantischen Theologie bildet. Wir dürfen indessen daran erinnern, daß das ganze lästige System vom Teufel, Erbsünde u. w. d. a. hieraus stammt; denn wenn der Erlöser, der Goal, nicht blos das israelische Volk sondern die ganze Menschheit erlösen soll, um seinen Titel nicht einzubüßen, so mußte ja dies größere Object auch als ausnahmslos erlösungsbedürftig dargestellt werden. Uebrigens wird, und nicht blos hier, häufig behauptet, aus jener Zeit haben wir nur wenige oder gar keine Documente zur Kenntniß der damals vorherrschenden Gesinnungen. Dem ist aber nicht so: wir haben so prägnante und so triftige Belege, als es nur irgend geben kann, in unserer Gebetbücher alten und echten Theilen, welche in noch viel lebendigeren warmen Farben ein Gemälde aus jener Periode geben als das Common-prayer-book eines von der anglikanischen Kirche unserer Zeit. Und da geben das wc liruschalayim Yrecha, das ja’aleh we jabo, das al krn nekavvweh, das ubcben tb6n u. dgl. ein so klares Bild von den zu Jesus' Zeit gangbaren Messias-Ideen, als man sie nur wünschen kann. Bon spontaner Feindseligkeit gegen die umgebende Welt ist da keine Spur, und unter den Uebeln, gegen welche der Schutz des Himmels angeruseu wird, findet sich auch nicht das „Besessensein" erwähnt. Wenn alle Wunder beseitigt sind, sprechen die Rationalisten und Straußianer, so bleibt doch das eine Wunder: die rasche Verbreitung des Christenthums in der Welt. Nun, solche Wunder finden sich überall, wo eine neue Religion verkündet wird, sie möge nun die des Foh, des Osiris, des Schakyanumi oder des Bacchus u. s. w. sein. Von dem Wunder der Erhaltung des Judenthums und -Volks und von dem der Verbreitung des Islam auf dem classischen Boden des Christenthums hier gar nicht zu reden! Wäre es nicht Zeit, daß eine jüdische Capacität sich an die kritische Untersuchung jener (und späterer analoger) wichtigen Vorgänge und Mythen machte'? Es würde der Wissenschaft dadurch ein sehr großer Dienst geleistet. Uebrigens ist es doch zu bedauern, daß schließlich selbst Strauß nicht über den nonsvngo wegkommt: die Suppe ist keine Suppe, das Gemüse ist kein Gemüse, das Fleisch ist kein Fleisch, die Butter keine Butter rc.; aber eine höchst vortreffliche Mahlzeit ist es doch, an der und an keiner andern sich alle Menschen satt essen können und — müssen! Bei den immer neu auftauchenden Projecten zur Civilisation der sogar in materieller Beziehung verkommenen Juden in den mohammedanischen Ländern kann ich nicht umhin, es abermals auszusprechen, daß das allererste, was geschehen müßte, ist, den ChachamS und den Mahamads (Gemeinde-Vorständen) das Recht des Chvrem und sogar der Chörem-Androhung gründlich zu verbieten. Ob dies von den Regierungen zu erlangen ist, werden die Herren wissen, die sich dort in den politischen Regionen umgesehen haben; gewiß aber steht, daß kein Versuch etwas hilft, so lange dort eine zahlreiche Classe lebt, deren Brot-Interesse es ist, das Volk in Unwissenheit und Elend zu erhalten, und die die Macht dazu hat. Ging es nicht in Europa ebenso bis vor 80 Jahren? Wo wären wir, wenn die Rabbiner und ihre Trabanten noch den Kirchenbann anwenden dürften! Aus Würtemberg, Ende August. (Privatmitth.) Die vollständige Emancipation der Israeliten schließt das Leben unseres Heimgegangenen Königs Wilhelm würdig ab und mit ihr beginnt die Regierungslauf-