Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1864)
- Date
- 1864-09-13
- Page
- Seite 591 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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591 das zweite Jahrbuch (von Büchner) hat die Erwartungen in anerkennenswerthem Maße erfüllt. Es beginnt mit zwei hebr. Gedichten auf Montefiore, einem Aufsatze des sel. Dr. Salomon: Was bat Mendelssohn als Israelit auf Israeliten gewirkt? (Woher stammt dieser Aufsatz?), reproducirt die Abhandlung des Dr. Grätz: Die Verjüngung des jüdischen Stammes, welche dem wiener Jahrbuch im vorigen Jahre die bekannte gerichtliche Verfolgung zugezogen, bringt die Geschichte der israelit. Realschule zu Frankfurt a/M. von Dr. Stern sowie die Geschichte der Juden daselbst von Kriegk, das Leben Baruch Auerbachs, des Gründers des jüdischen Waisenhauses in Berlin, von Breslauer, Rabbi Israel Balschem von Vidaver, Gedichte, Chronik ron 1863 (sehr mangelhaft), 150jähriger Kalender von 1751—1900 sf. Im ganzen wünschen wir dem Herausgeber, daß er in Zukunft Gelegenheit habe, recht viele Originalarbeiten zu erhalten, um nicht zu oft aufs Reproduciren angewiesen zu sein. — Eine Erinnerung an frühere Zeiten. Glückwunschschreiben an Dr. Leopold Zunz. Von Dr. A. Geiger. Frkft. a/M., 1864. Eine lebhafte und charakteristische Schilderung der 20ger Jahre hinsichtlich des Standes im damaligen Judenthume und wie Zunz bei seinem schriftstellerischen Auftreten auf die jüdisch-theologische Jugend gewirkt. Sehr lesenswerth. — Angekommen: Chronik von Liegnitz, verfaßt von Dr. A. Sammler. Auf Kosten der Stadtcommune herausgegeben. Liegnitz, 1864. Erster Theil. — Die Juden in der Leopoldstadt im 17. Jahrhundert in Wien. Von G. Wolf. Wien, 1864. — Das 100jährige Jubiläum, der israelit. Cultusgemeinde in Wien. Von G. Wolf. Wien, 1864. — mnnro roD?:> als der 91e Bd. der schönen Quartedition des Talmuds von A. Salomon in Tilsit. — Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburgs im August. lPrivatmitth.) Als guter Hamburger Bürger darf ich es wohl nicht durchgehen lassen, daß in Nr. 33 d. Bl. das Großherzogthum Baden das erste deutsche Land genannt wird, das Israeliten zum Richteramte zuläßt. Ist es denn schon vergessen, daß Gabriel Rießer schon 1839 hier in Hamburg als Gerichtsrath unserm Obergerichte, einem der vorzüglichsten Tribunale Deuschlands, beigegeben wurde? Und doch hat dieser Vorgang damals Aufsehen genug gemacht, und mit Recht. Was Wunder nuu, daß unsere Gegner Günstiges vergessen, wenn selbst unsere Vertheidiger, ja wir selbst trotz aller Monumente und Festreden nicht mehr daran denken? Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch darauf aufmerksam machen, wie ungehörig der Ausdruck „mittelalterlich" in seiner Anwendung aus intolerante Gesetze und auf absolute und geschmacklose jüdische Cnltusformen ist. Unter „Mittelalter" versteht man nar den Zeitraum von Karl dem Großen bis aus die Reformation, und das nur in den deutschen und mit Deutschland connectirten Ländern. Aber diese Zeiten und Landesgrenzen sind weder die Grenzen des bigotten Fanatismus noch der widerwärtigsten Geschmacklosigkeit in soi-disant Religionsformen. Lange vor dem Mittelalter haben die Römer, und zwar die wichtigsten und gelehrtesten unter ihnen, mit dem größten Ernst in den stinkenden Gedärmen des geschlachteten Viehes nach den Schlüsseln der Zukunft herumgekcabbelt, und lange ehe ein mittelasiatisches Volk sich die Wanderstiefeln angezogen hatte, wurde Sokrates wegen Götterlästerung vergiftet, wurden in Rom Myriaden von Christen und Juden zur Belustigung des Volkes den wilden Thieren zum Fraß preisgegeben, und lange nach Luther wurden Tausende von alten Frauen als Hexen verbrannt. Selbst Heuchelei und Dummheit auf diesen Gebieten — z. B. die Dummheit, Leuten, die man der Religion wegen haßte, auch zu verbieten, etwa Schneider, Perrückenmacher oder Tischler zu sein — findet ihren Anfang schon vor dem Mittelalter, ihr Ende gewiß nicht in demselben. Und auf beiden Gebieten sind die Juden, soweit ihre Kräfte reichten, nicht zurückgeblieben. Sie haben aberwitzige Formen des Cultus ausgedacht und heilig erklärt, sie haben Melodien gesungen, die Steine erweichen können, sie haben die einst nothwendige Sorge für Sonderung bis aufs Absurdeste geführt; aber alles sowohl vor als nach den Zeiten des Mittelalters.*) *) Das Mittelalter wird nicht von Karl dem Großen, sondern von der Völkerwanderung (Zerstörung des weströmischen Reiches) an gerechnet, also 300 Jahre vor Karl dem Großen, somit auch vor der Gemara. Uebrigens kommt es nicht ans einzelne Erscheinungen, sondern darauf an, ob eine gewiffe Richtung total zum System gemacht wird. Die Redaction,