Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1864)
- Date
- 1864-09-06
- Page
- Seite 577 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226456--22421-3259692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
577 durch jahrelangen Fleiß und durch unermüdliche Ausdauer ist es möglich, sich darin vollständig zurechtzufinden. Daß die zahlreichen Commentare und Supereommentare, wenige Ausnahmen abgerechnet, die unzähligen Schwierigkeiten nicht nur nicht vollkommen hinweggeräumt, sondern dieselben bisweilen sogar noch vermehrt haben, ist genügend bekannt. Es stellt sich daher gegenwärtig, wo auch der Talmud vorzüglich zu wissenschaftlichen Zwecken erschlossen werden soll, immermehr die Nothwendigkeit heraus, bas Talmudstudium methodisch und wissenschaftlich zu betreiben und überhaupt eine rationelle Behandlung desselben anzubahnen. Die sogenannte pilpulistische und unlogische Methode hat überdies den Nachtheil, wie sich dies durch unzählige Beispiele geschichtlich Nachweisen läßt, daß sie überhaupt gar keine andere wissenschaftliche Beschäftigung mehr zuläßt, weil sie die ganze Zeit und Thätigkeit des Talmudisten gänzlich absorbirt. Es war dies auch zumeist eine der Hauptursachen, daß seit dem Wiedererwachen der Wissenschaft namentlich unter den deutschen Juden das Talmudstudium bei der Jugend mit einem Male völlig in Abnahme gekommen ist, weil man sich im allgemeinen damit die Pflege der andern von der Zeit dringend geforderten Wissenschaften und Kenntnisse nicht vereinigt denken konnte. Der Talmudist im Sinne der alten Schule, der jedem „herben Rambam" Gerechtigkeit angedeihen lassen und in jeder Legende und Sage irgend ein kabbalistisches oder philosophisches Mysterium Nachweisen mußte, wendete hier das „Du sollst darüber sinnen Tag und Nacht" buchstäblich an — und konnte selbstverständlich, indem er sich ewig in diesem engen Gesichtskreise bewegte, aus dieser beschränkten Sphäre gar nicht herauskommen. Dankbar begrüßen wir deshalb jedes neue Werk, das die wissenschaftliche und kritische Behandlung des Talmuds sich zur Aufgabe gemacht, da dadurch allein das immense Material am ehesten bemeistert werden kann. Hr. Rabb. I. Brüll, ein ausgezeichneter und gelehrter Talmudist, hat nun als Probe und Vorläufer eines herauszugebenden größeren Werkes: nzwin diese vortreffliche Monographie über die mnemotechnischen Simanim im Talmud veröffentlicht, die sich ohne Zweifel eines allgemeinen, ungetheilten Beifalls erfreuen wird, weil darin mit vielem Fleiße und mit seltener Gelehrsamkeit ein bisher völlig vernachlässigtes Thema gründlich und ausführlich behandelt wurde. Mit außerordentlicher Geduld hat der Vers, alle im Talmud vorkommenden Simanim und Denkworte, die aus Unkenntniß der Abschreiber und der Editoren meist corrupt und entstellt sind, kritisch geprüft und die richtigen Lesarten festgestellt. In der lehrreichen Einleitung spricht der Berf. ebenfalls über die mnemotechnischen Hilfsmittel der Massora und des Talmuds, z. B. *npn bfc* u. dgl. — und da wir hier auf diese Gegenstände nicht eingehen können, so verweisen wir den Hrn. Vers, in Betreff der Massora, Sophrim 6, 7. auf Heidenheim's Pentateuch-Ausgabe: Meor Enaim, 5. B. M. am Schluffe, und Hammagid VH Nr. 18, S. 141. Die richtige Lesart daselbst ist: irr lüitn , yms, •'ba, und die von Hrn. Brüll angeführte Emeudation aus Zunz' gottesd. Vorträgen ist unrichtig, da nach Minchat Schai die Stelle: Esra 8, 13. kein Keri Uketib ist, und auch die Massora zählt nur 4 Stellen, wo für b&W mit r>"i nämlich b&o?*1 mit “TP gelesen wird. Möge Hr. Rabb. Brüll die wohlverdiente Theilnahme von seiten des Publicums finden, damit es ihm bald gegönnt sei, seine erwähnte Einleitung in die Mischna herauszugeben. Wir können jedoch unsere Anzeige über die talmudische Mnemotechnik nicht schließen, ohne zugleich des folgenden Merkchens zu gedenken: iso* Erläuterungen und Scholien zum Aruch. Mit beigefügten Emendationen und kritischen Notizen zur rabbinischen Literatur. Von Rabb. Simon Lindermann. Berlin, M. Poppelauer's Buchhandlung. 1864. 84 S. Wir haben in Nr. 15 d. Z. in unserer Recension des in Prag edirten Aruch Hakazur auf die immer unabweislicher und dringender sich herausstellende Nothwendigkeit einer neuen kritischen und completen Ausgabe des Aruch aufmerksam gemacht, und es freut uns, in dem rubrieirten Werke wiederum einige Sleinchen zu dem großen Baue der talmudischen Lexikographie hinzugefügt zu finden. Hr. Rabb. Lindermann hat wohl mit einem anerkennenswertheu Fleiße, aber mit beschränkten Hilfsmitteln so manche corrupte Stelle und Lesart im Aruch verbessert und die daselbst sehr oft vermißten Citatennachweise aus den Talmuden und Midraschim gehörig angemerkt oder emendirt. Doch ist aber Hr. L. eine der Hauptquellen des Aruch und dessen Nachfolger entgangen , und zwar der Commentar >des R. Hai Gaon zum Traet. Tharoth, den R. Nathan meist wörtlich benutzt. Freilich wäre sogar eine neue Edition dieses in Berlin in einem Sammelwerke erschienenen lexikalischen Commentars sehr zu wünschen, da Hr. B. Goldberg es selbst, Hammagid V. 38 S. 247, gesteht, daß er das in Paris befindliche Manuscript nicht vollständig copirt hat;