Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1864)
- Date
- 1864-09-06
- Page
- Seite 573 (sequence 3)
- Language
- German
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573 von den Schultern des Volkes jede Ueberbürdung durch verhältnißmäßige Verkeilung der Lasten genommen worden, durch prompte Gerichlsverwaltung alle Verhältnisse sicher gestellt worden, wenn durch alles dieses der freie Aufschwung des Geistes lausend wichtige Entdeckungen und Erfindungen zu machen, die Verbindung aller Welttheile und Völker herzustellen, eine noch nie dagewesene Production und eine außerordentliche Consumtion zu schaffen vermochte — wem verdankt es das Volk, wenn nicht den liberalen Ideen, ihnen, die auch den Glaubenszwang aufgehoben, die Glaubensverfolgungen beseitigt, die auch uns Juden die Thore der Ghettos aufgeschlossen, auch uns zu Söhnen des Vaterlandes und zu gleichberechtigten Gliedern der Gesellschaft gemacht haben? Denn daß diese liberalen Ideen und Institutionen die Schöpferinnen aller der großartigen Verbesserungen in den Zustäntzen der Völker waren, das erkennt man auch aus der Geschichte Englands, wo bereits mit dem Ende des 17. Jahrhunderts jene zu herrschen begonnen halten. Man lese das dritte Capitel von Macaulay über die Zustände um 1685, auf gründlichen Forschungen und Documenten beruhend, untz man wird sich über die Wirksamkeit des veränderten Regimes überzeugen. Wir heben nur einiges hervor: Alles ist völlig umgewandelt. Viele Tausende von Quadratmeilen, welche fitzt reiches Kornland und Wiese sind, durchschnitten von grünen Baumhecken und besetzt mit Dörfern und reizenden Landsitzen, waren damals mit Heidekraut überwachsene Moore oder den wilden Enten überlassene Sümpfe. Vereinzelte Hütten, von Holz erbaut und mit Stroh gedeckt, standen da, wo fetzt Manufacturstädte und Seehäfen, deren Ruf bis an die fernsten Enden der Welt reicht. 1690 betrug die Bevölkerung Englands nicht 5t/^ Million, also viel weniger als ein Drittel seiner gegenwärtigen Volkszahl. Damals stieg die ganze Masse der Getreideernte nebst Bohnen nicht über 10 Millionen Quarter, jetzt, doch aus demselben Boden gezogen, über 30 Millionen. Ebenso verhält es sich mit der Viehzucht. Damals förderte man 350,000 Tonnen Kohlen jährlich zu Tage, jetzt 20 Millionen. Damals erhielt der Arbeiter 4 Schillinge die Woche, jetzt 12 bis 16 Schillinge Lohn, und dabei gab es damals wenige für den Arbeiter wichtige Artikel, deren Preis nicht zu jener Zeit über der Hälfte des jetzigen Preises gestanden hätte. Bier war viel wohlfeiler, auch Fleisch, aber letzteres doch so theuer, daß Hunderttausende von Familien kaum den Geschmack davon kannten. (Von den 880,000 Familien des gemeinen englischen Volkes damals aßen nach King 440,000 zweimal die Woche animalische Nahrung, die übrigen gar keine oder höchstens einmal die Woche.) Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, Bergwerke und des Maschinenwesens waren viel theurer als gegenwärtig; Zucker, Salz, Kohlen, Seife, Lichte, Schuhe, Strümpfe und alle Artikel der Kleidung und des Bettzeuges mußten viel höher bezahlt werden als jetzt. Die Beschäftigung der Kinder in den Fabriken war im 17. Jahrhundert im Vergleich zum Umfang des Fabrikwesens zu einer unglaublichen Höhe gestiegen. Vom 6ten Jahre an verwendete man sie schon zur Arbeit. Jetzt hat das Gesetz diesen furchtbaren Mißbrauch verboten oder doch äußerst eingeschränkt. Macaulay schließt: „Je sorgfältiger wir die Geschichte der Vergangenheit untersuchen, desto mehr Grund werden wir finden, von denen abzuweichen, die sich einbilden, unser Zeitalter sei an neuen socialen Uebeln fruchtbar gewesen. Das Wahre ist, daß die Nebel mit kaum einer Ausnahme alt sind. Was neu ist, das ist die Einsicht, die sie erkennt, und die Humanität, die ihnen abhilft." Auch von diesen Thatsachen, die wir noch außerordentlich vermehren könnten, können wir dem Hrn. Bischof nicht eine einzige Massen. Aber wie? Der geistliche Herr wird doch die Wirkung des kirchlichen und sittlichen Wesens auch auf den materiellen Zustand des Volkes nicht leugnen wollen? Denn Ordnung und Sparsamkeit und häusliche Zucht sind doch gewiß wichtige Factoren auch für das materielle Leben. Wird er aber nicht zugeben müssen, daß die Geistlichkeit, der Adel und die Höfe des 17. und 18. Jahrhunderts an sittlicher Entartung die skandalösesten Beispiele gaben und auf das Volk in entsittlichendster Weise einwirkten? Wird er es nicht zugestehen, daß die Kirche einen ganz andern, ernsteren, strengeren und würdigeren Charakter in der Gegenwart angenommen, daß die fürstlichen Höfe mit seltenen Ausnahmen auf der Höhe der Sittlichkeit sich halten, daß auch in den Adel, soweit er noch einen bestimmten Stand bildet, ein ernstes, auf die Aufgaben der Zeit gerichtetes Streben gedrungen ist? Und wem anders haben sie dies zu verdanken, wenn nicht den liberalen Ideen, und sei es auch nur aus Opposition gegen dieselben, aus der bewußten und unbewußten Ueberzeugung, daß diesen gegenüber sich nichts zu erhalten vermöge, worin nicht Werth und Würde ist, dem nicht Wirksamkeit und schaffende Kraft einwohnen? So stehen selbst die Gegner unter dem Einflüsse der liberalen Ideen, ge- 37*