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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-08-30 · Heft 36 (30.8.1864) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 36 (30.8.1864)
Date
1864-08-30
Page
Seite 564 (sequence 10)
Language
German
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564 Die Orthodoxie, ich meine die der alten Schule angehörigen talmudisch gebildeten Rabbis hatten dieses Mal weder „Israelit" noch „Jeschurun" zu ihrem Organe gewählt, vielmehr in größter Verschwiegenheit unter der Anführung einiger Rebbes und insbesondere des Rebb Hillel aus Szikszü, eines aus Deutschland stammenden Chassid, in einer an allerhöchster Stelle niedergelegten Eingabe auseinandergesetzt, wie eben durch Errichtung eines magyarischen Rabbiner-Seminars dem Magharismus Thür und Thor geöffnet werde, wie eben nur auf diese Weise das Deutschthum aus Ungarn verdrängt und wie die Rabbinats-Candidaten, die heute behufs Ausbildung in den profanen Wissenschaften nach dem Auslande gehen, bei Vorhandensein eines ung. Rabbiner-Seminars einzig und allein in Ungarn ihre Bildung abschließen würden.*) Der hohe königl. ungarische Statthalterei-Rath in Ofen, von der Eingabe der Orthodoxen nicht sehr erbaut, überwies noch während der Conferenz den Conferenzmitgliedern die Eingabe zur Berichterstattung und fanden Verhandlungen, die einen Ausgleich bezweckten, zwischen dem Führer der Orthodoxie, dem man sogar eine Professur am Seminar anbot,**) und einigen Conferenzmitgliedern statt. In Wien scheint man die Wünsche der Orthodoxie weniger kalt ausgenommen zu haben, nachdem es als ausgemacht zu betrachten ist, daß schon zwei Tage nach der bekannten Audienz ein Erlaß der königl. Hofkanzlei in Wien an den königl. Ungar. Statthalterei- Rath des Inhaltes abging, daß die Seminarangelegenheit all acta zu legen sei. Italien. Rom, 2. August. Daß man von officieller Seite die neue Mortarageschichte zu rechtfertigen, den Knaben Coen (10 Jahre alt!!) von unwiderstehlichem Drange zur katholischen Kirche beseelt auszugeben sucht, ist selbstverständlich. Der „Voss. Ztg." schreibt man: „Meine näheren Erkundigungen an Ort und Stelle bestätigen diese Darstellung nicht. Das gemeine Volk in Rom, ich darf hinzusetzen, auch mancher der sogenannten gebildeten Codini glaubt fest, daß er durch die Mitwirkung *) Also immer — polnische Denunciationen! **) Nun, da ist es ja ein wahrer Segen, daß aus dem Seminar nichts geworden! für eine Bekehrung, zu per es wirklich kommt, eine Seele auS dem Fegefeuer gerettet. Unser Schuster gehört zu jenen, seine Werkstätte ist ohnehin das Stelldichein dieses und jenes müßigen Priesters. Freilich verlangt der Vater den Sohn zurück, doch wird man schwerlich auf seine Klagen achtem Ich will bei dieser Gelegenheit des neuesten Gesetzes gedenken, das der Papst für den Fall gab, wenn der Vater einer hiesigen israelitischen Familie Übertritt. Kaum ist er in dem Hospiz der Katechumenen ausgenommen, so werden Frau und Kind von den Sbirren des GeneralvicariatS in Beschlag genommen und ebendahin gebracht. Sie bleiben 4V Tage, täglich erscheinen Priester, sie zum Uebertritte zu bereden: jedes Mittel wird dazu gut erachtet. Richten die Proselytenmacher nichts aus, so mögen Mutter und Kinder nach Hause gehen." — Dem Vater möchte man wohl den Vorwurf machen können, daß er doch seinen Mann hätte kennen und seinen Knaben nicht bei einem solchen Meister in die Lehre geben sollen. — Als der Knabe Mortara geraubt wurde, lebte man in Europa noch der Meinung, daß die allgemeine Stimme Kraft genug habe, um solche Gewaltthätigkeiten rückgängig zu machen. Von allen Seiten erhob sich der Ruf des Unwillens. Man bat, man drohte, man verdammte. Nichts half. Selbst die Diplomaten machten, freilich in ihrer Weise, Einwendungen, richteten aber nichts aus. Auch viele deutsche Rabbinen vereinigten sich auf den Ruf des Redakteurs dieser Zeitung und wandten sich in einer energischen Adresse an den Papst, den man damals von dieser Seite noch nicht kannte, erhielten aber keine Antwort. Jetzt hat die Welt nichts zu thun, als diesen neuen Fall auf das freilich schon bis zum Rande volle Blatt der Geschichte zu verzeichnen, das über Religionszwang, Inquisition, fanatischen Eingriff in alle natürlichen und Familienrechte und waö dahin gehört berichtet, der göttlichen Vergeltung den Tag der Abrechnung überlassend. — Die „Wiener Presse" läßt sich aus Paris schreiben : „Die neue Mortara-Geschichte in Rom gibt auch hier noch immer Veranlassung zu diplomatischen Besprechungen, in welchen namentlich dem Nuntius zu verstehen gegeben wird, daß diese neue Beleidigung deS Rechtsgefühls der öffentlichen Meinung den Feinden der weltlichen Herrschaft des Papstes nur neue Mittel in die Hände liefere. Mittlerweile hat, nachdem Cardinal Antonelli 40 Tage Ueberlegungszeit verlangt hat,

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