Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 36 (30.8.1864)
- Date
- 1864-08-30
- Page
- Seite 563 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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563 Preußen. . Berlin, 18. August. (Privatmitth.) Es ist keiy seltener Fall mehr, daß von den der Reaction mit allem Eifer und -wüthigem Geschrei dienenden Scribenten, die namentlich gegen die Juden ihren- Hetzruf zu erheben nicht müde werden, sich so mancher hinterrücks als ein trauriges Subject erweist. Ein neuester Fall derart ist folgender-, „Ein früherer hervorragender Mitarbeiter an der hochconservativen schlesischen Provinzial-Zeitung, welcher sich seiner Zeit durch die Entdeckung „krummbeiniger Juden" unsterblich gemacht hat, liegt gegenwärtig, wie das schles. Morgenbl. berichtet, im Krankenhause Bethanien am — Säuferwahnsinn schwer darnieder." — Die „Magd. Zeitg." enthält einen scharfen Artikel über das Verhalten der österreichischen Staatsanwaltschaften der confessionellen Gleichberechtigung gegenüber, und die „Voss. Zeitg." reproducirt ihn. Der Proceß und die Verurtheilung des Dr. Kompert und des Dr. Schuselka wegen leichter Berührung der christlichen Religion und der katholischen ■ Kirche geben Veranlassung, einen vergleichenden Blick auf die Freiheit zu werfen, welche der „Wiener Kirchenzeitung" und dem „Volksfreund" gelassen wird, täglich zu förmlichen Judenhetzen aufzufordern und jährlich die scheußliche Blutbeschuldigung aufs Tapet zu bringen. Die Juden sind doch auch eine vom Staate anerkannte Religionsgenossenschaft, aber da rührt sich kein Staatsanwalt. Die magd. und voss. Zeitg. erinnern sich dabei nicht, daß auch in Preußen der „Kreuzzeitung" und dem „Preuß. Volksblatt" gegenüber ein gleiches Verfahren eingehalten wird. Danzig, 14. August. (Privatmitth.) Wie sehr es im Interesse unserer Gemeinden bedauert werden muß, daß die anfänglich sehr ernst in Angriff genommenen Verhandlungen zur Besetzung des durch den Abgang des Herrn Rabbiner Dr. Stein vacant gewordenen Rabbinats jetzt wieder ganz ins Stocken gerathen sind: daran wurden wir in diesen Tagen aufs neue und nachdrücklichste erinnert, als die zufällige Anwesenheit des,Herrn Rabbiner Dr, Salwendi aus Bereut den Vorstand veranlaßte, denselben zu einem religiösen Vortrage auszufordern, und wir haben bei demselben mit Freuden die Erfahrung gemacht, daß es hier trotz , alles religiösen Jndifferentismus doch noch ein ganz hübsches Contingent Getreuer gibt, welche sich nach religiöser Belehrung aufrichtig sehnen. Denn Hr. vr. S. vermochte es, durch seine herrliche Predigt seine Zuhörer ganz zu begeistern und den Wunsch wieder rege zu machen, daß die Kanzel nicht lange mehr stumm bleibe! Oesterreichischer Kaiserstaat. Szegedin, im August. Der „Wiener Lloyd" berichtet von hier ein Factum, welches die confessionelle Eintracht, die hier herrscht, erweist: „Vor einigen Wochen starb hier ein bejahrter Israelit, Vater einer zahlreichen Familie. Als man an dessen Bestattung gehen wollte, verbreitete sich ein Gerücht, der Verblichene sei nun schon seit 18 Jahren getauft, folglich Christ. Die Situation war eine äußerst schwierige. Während die einen den Leichnam jeder für sich in Anspruch nahmen, wollten andere sich überhaupt nicht zu den üblichen Vorceremonien der Bestattung herbeilassen, und wurde das Trauerhaus von aller Welt gemieden." Doch alsbald verfügte sich der Ortsrabbiner an der Seite des Bürgermeisters zum Probsten und erwirkte von demselben ohne Weiteres die Erlaubniß, den Dahingeschiedenen nach jüdischem Ritus im jüdischen Gottesacker zu beerdigen, und die ganze Affaire verlief ohne jedweden Anstand von irgend einer Seite." — Nach demselben Blatte wurde der Oberrabbiner Löw vorige Woche vor die Behörde geladen, und ist gegen denselben ein Preßproceß anhängig gemacht worden. Aus Ungarn, im August. (Privatmitth.) In diesem Augenblicke, wo auch die öffentlichen Blätter das Rabbiner-Seminar zu den Tobten zählen, ist es von Wichtigkeit, die Gründe kennen zu lernen, die eine hohe Regierung wohl bewogen haben, dem Drängen der Orthodoxie nachzugeben und eine so wichtige Frage wie die Organisirung eines Rabbiner-Seminars auf Jahre hinauszuschieben. Obwohl wir schon vor Monaten die sä sots-Legung der ganzen Angelegenheit in diesen Blättern meldeten, so glauben wir doch im Interesse der ung.-jüdischen Geschichte uns berufen, so manches, was die Orthodoxie in der Seminar-Angelegenheit wohlweislich als Geheimniß für alle Zeiten zu bewahren glaubt, in diesen Blättern, die so recht berufen sind, künftigen Geschichtsfreunden und Forschern als Wegweiser zu dienen, niederzulegen. 36