Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 36 (30.8.1864)
- Date
- 1864-08-30
- Page
- Seite 561 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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861 alles. Der Landmann muß auf seine eigenen Kosten das für die Regierung bestimmte Getreide abmähen, dreschen und nach dem nächsten Regierungsmagazine bringen lassen, wo der Magazinvorsteher noch ein Viertel, bisweilen ein: Drittel mehr, als die Schätzung beträgt, zu feinem eigenen Nutzen verlangt. Ein Beamter, Schubaschi genannt, welcher auf den Gütern umherreist, um zuzusehen, welche Art von Feldfrüchten gebaut wird, ist mit seinem Gefolge gleichfalls auf die Unterhaltung durch die Bauern angewiesen. Infolge aller dieser Mißstände kommen vielleicht nicht 50 Procent der ganzen Ernte dem Bauer zugute." „Wenn der Pascha eine Rundreise in den Provinzen macht, so quartirt er sich in den schönsten Häusern der Rajahs ein, welche er dadurch häufig zu Grunde richtet. Die Krwasien gehen aus, die Steuern zu sammeln) sie erpressen soviel als möglich für ihre eigene Tasche und bezahlen den Rest dem Pascha, der wiederum der Regierung eine bestimmte Summe als das Einkommen der Provinz zahlt. Der unglückliche Steuerzahler hat keine Abhilfe zu erwarten, er muß geben, was sein brutaler Herr fordert, oder alles, Ernte, Herden, Geräth, alles wird in Beschlag genommen." An der Richtigkeit dieser Schilderung läßt sich kein Zweifel erheben und ebenso ist es^gewiß, daß etwaige Fermans des Sultans keine Abhilfe zu schassen vermögen. Wir fühlen uns daher in unserm Gewissen verpflichtet, das Publicum vor der Betheiligung an diesem Unternehmen so lange zu warnen, wie diese aus Sachkenntniß erhobenen Bedenken nicht vollständig widerlegt sind. Und nun erlauben wir uns noch eine allgemeine Bemerkung. Es vergeht jetzt kaum ein Monat, wo nicht irgend ein Project zu irgend einer gemeinnützigen oder wohlthätigen Anstalt oder einem derartigen Vereine oder Unternehmen, entweder schon als gedrucktes Programm oder in einem Privatschreiben, an uns gelangt. So ehrenwerth auch die Männer sind, von denen dergleichen ausgeht, so löblich und uneigennützig ihre Absichten auch sein mögen, so fallen doch die meisten in die Kategorie der Unausführbarkeit, oft auch der Unzweckmäßigkeit. Es ist offenbar, daß die moderne Speculation vom industriellen Gebiete sich auch auf das der Wohlthätigkeit und Gemeinnützigkeit werfen will. Welche gefährliche Erscheinung dies ist, brauchen wir kaum zu sagen. Theils werden dadurch viele und schöne Kräfte erfolglos aufgeboten, theils — und dies ist das Schlimmere — wird der Sinn für allgemeine Zwecke dadurch so abgenutzt, daß er für solide Zwecke und Unternehmungen nicht mehr zu wecken sein wird. So groß zu aller Zeit der Wohlthätigkeitsstnn in unserer Glaubensgenossenschaft war, so hat doch der Gemeingeist, der über das locale Weichbild hinausgeht, erst eine sehr kurze Blüthezeit in ihr und bedarf daher noch einer vorsichtigen Pflege. Im allgemeinen Interesse ist daher das Verlangen sehr gerechtfertigt, daß niemand mit einem derartigen Plane vortrete, bevor nicht der Zweck unzweideutig und die Mittel und Wege angemessen und realisirbar erscheinen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Bernburg, im August. (Privatmitth.) Es gibt Dinge, gegen die man unermüdlich ankämpfen muß, solange sie eben bestehen, dazu dehört der Eid mors judaico, dessen Formeln ebenso viel Mißtrauen gegen das Judenthum wie Geringschätzung gegen die Juden enthalten und die von Vorurtheil und Haß immer wieder ein verlängertes Leben ziehen, wenn auch Stück nach Stück abgerissen wird. Auch Anhalt ist durch ein neues, am 1. October e. in Kraft tretendes Gesetz beglückt worden, das in der „Anlage G." neue Bestimmungen über den Judeneid trifft, die im ,,Bernbnrger Wochenblatt" von Herrn Rechtsanwalt Dr. Calm mit gewohnter Schärfe und Gründlichkeit einer eingehenden Kritik unterzogen werden. Er beginnt dieselbe in charakteristischer Weise: „Als die alten Deutschen noch beim Gewand und Rockschoß, bei Pfauen und anderen Vögeln, bei Felsen und Steinen, beim Bart und Schwert den Eid leisteten, als das traurige Institut der Cideshelfer und Gottesurtheile florirte, waren den Juden durch Moses schon seit mehr als 2000 Jahren jene 10 Gebote verkündigt, denen die Welt ihre Gesittung verdankt. Wie es aber bei der Geistesstörung zn geschehen pflegt, daß der mit ihr Behaftete die ganze übrige Menschheit für schwach und irr erachtet, so hatte der religiöse Wahnsinn des Judenhasses, der sich als eine ekelhafte Epidemie durch Jahrhunderte der Weltgeschichte wälzt, eigene Leiden und Schandthaten dem unglücklichen, erbarmungswürdigen Stamm der Juden aufgebürdet." »