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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-08-30 · Heft 36 (30.8.1864) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 36 (30.8.1864)
Date
1864-08-30
Page
Seite 559 (sequence 5)
Language
German
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559 reisen habe, um unsere dortigen Anstalten zu besuchen, so will ich doch nicht ermangeln, den Eindruck, welchen der Anblick der bis jetzt besuchten Orte auf mich hervorbrachte, Ihnen mitzutheilen. Um der Chronologie treu zu bleiben, will ich mit Alexandrien beginnen, wo im I. 1854 bei meinem ersten Besuche nichts bestand, weder Gemeinde noch Schule noch ordentliches Bethaus, wahrend jetzt, Gott sei Dank, alles reichlich vorhanden ist. Das von mir vor 10 Jahren ausgearbeitete Gemeinde- Statut ist in vollständigem Gange; kein Unterschied zwischen europäischen und einheimischen Juden besteht. Hr. Pereira, ein sehr gelehrter und fähiger Mann, auch Archivar des Institut £gyptien, ist Gemeinde-Secretär, und die Gebrüder Levy aus Venedig, von denen einer letzthin vom Könige von Italien zum Baron erhoben wurde, Vorsteher der Gemeinde. Die Mädchenschule, die schwierigste und im Orient die wichtigste und heilsamste Schöpfung, zählt 130 Mädchen, niedlich gekleidet, welche die meisten Gebete sowohl auswendig als dieselben in das Französische, Italienische und Arabische zu übersetzen wußten. Lesen, Schreiben, Rechnen, etwas biblische Geschichte, Gebete und weibliche Arbeiten, die bis zu einer wahren Vollkommenheit getrieben werden, nebst Gesang ließen einen höchst freudigen Eindruck bei jedem Besucher zurück, und die Anstalt ist so glücklich, zwei ausgezeichnete Lehrerinnen zu besitzen. Ich war bis zu Thränen gerührt, als ein Mädchen in einer italienischen Ansprache mir ins Gedächtniß zurückrief, wie man ihr erzählt hatte, daß vor 10 Jahren keine Anstalt bestanden hätte, und wie Gott meinen Anstrengungen Kraft verliehen, die Menge zu begeistern, um solches zu leisten. Die Knabenschule ist gut, hat eine kräftige Leitung und ausgezeichnete Disciplin. Mehrere jüdische und ein christlicher Lehrer für das Italienische leben in vollständiger Harmonie. Das Collegio Petrarca, eine Art höhere Bürger- Schule, vereinigte Juden (in geringer Mehrzahl), Christen und Mohammedaner unter einer jüdischen Leitung. Die Synagoge des Elijahu Nonabi, in der ich an einem Samstage eine Ansprache hielt, würde einer jeden Gemeinde zur Ehre gereichen. — In Kairo fand ich die Dinge nicht so weit vorgeschritten; die Form bestand, aber die Leitung fehlte. In einer Versammlung, die ich in dem Hause des Chacham Baschi, Herrn Israeli, eines sehr wohlwollenden und gelehrten Mannes, hielt, war es mir möglich, den Vorstand zu veranlassen, 4000 Frcs. jährlich für einen Director und 2500 Frcs. für eine Lehrerin zu votiren, die wir ihnen direct nach meiner Rückkehr schicken werden, um die Schulen den alexandrinischen Anstalten anzunähern. Der Wohlstand unserer ägyptischen Glaubensbrüder sowie ihre Wohlthätigkeit sind sehr bedeutend; ersterer hat einen großen Aufschwung durch die Baumwollencultur erhalten, welche das ganze Land reich macht. So hat der amerikanische Krieg viel zur Förderung unserer Brüder in Aegypten beigetragen. In Jaffa, wo ich bei meinem früheren Besuche kaum 50 arme Familien vorfand, sind jetzt über 200 wohlhabende aus Marokko und Algier, die sich mit Handel nach Port Said und Aegypten beschäftigen. Auch in der Ebene Saron, zwischen Jaffa, Ramleh und Bab-el-Ouchd, fand ich Baumwollenpflanzungen. — In Jerusalem sah ich zuerst das Hospital, eine wahre Cultur- und Humanitätsanstalt. Hr. Dr. Nothziegel, ehemaliger Secundärarzt des wiener allgemeinen Krankenhauses, und seine würdige Gattin stehen dieser Anstalt mit einer Hingebung vor, die im religiösen Gefühle und in hoher Menschenliebe ihre Quelle hat. Ueber 400 Kranke befinden sich jährlich in den Betten dieser Anstalt, welche der Prinz von Wales und Herr Renan als einzig im ganzen Oriente anerkannten. 6000 Ordonnanzen werden an Juden aller Länder und Zungen, Christen und Mohammedaner vertheilt. Ich wohnte fünf Mal dem Empfange bei und mußte die Geduld und Aufopferung bewundern, mit denen Herr Rothziegel alle aufnimmt, behandelt und den Leuten zeigt, was Menschlichkeit und Uneigennützigkeit zu leisten im Stande ist; ich merkte und hörte auch, daß dies stets so geschieht. Die Handwerksanstalt hat seit ihrem Bestehen über 150 Meister ausgestellt, und ich habe deren Schüler in Alexandrien, Beirut, ja bis nach Konstantinopel gefunden. An 50—80 Piaster sind per Woche der Ertrag des Verdienstes, und ich habe zum ersten Male das Vergnügen gehabt, mehrere Fremde sich rühmen zu hören, keine Chalukah zu nehmen. Die Betty- Rothschild-Stiftung für Wöchnerinnen versorgt die armen Leidenden mit Wein, ebenso wie die Rothschild-Cohn- Stiftung an jedem Festtag und Vorabend der Feste 230 Familien mit Brot beschenkt. Die Herrsche Schule für 40 Knaben hat eine sehr gute Disciplin und Ordnung, aber bringt sehr geringe Fortschritte im Lernen zu Wege, was ich der Schwäche der Lehrer zuschreibe; denn diese Kinder, die den ganzen Tag zum Lernen besitzen, wissen weit weniger als die Handwerkslehrlinge, die nur eine Stunde per Tag, außer am Samstag, haben. Die letzteren haben einen ausgezeichneten Lehrer an Herrn Jsak

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