Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 36 (30.8.1864)
- Date
- 1864-08-30
- Page
- Seite 558 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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558 kennt leicht, welche Fortschritte der Wohlstand des Volkes gemacht. Die obige Darstellung, in so allgemeinen Umrissen sie auch skizzirt ist, beruht auf der Geschichte und den einfachen Thatsachen. Sie werden jeden, der die Augen nicht absichtlich schließt, überzeugen. Auch der Hr. Bischof wird sie nicht ableugnen können. Der Unterschied zwischen ihm und uns besteht nur darin, daß wir diese Entwickelung für einen Fortschritt, er aber nur für das Ergebniß des modernsten Liberalismus, d. h. „irriger religiöser, politischer und wirtschaftlicher Grundsätze" halten. Herr von Ketteler will also diese Zustände nicht. Er kann also nur die früheren Zustände aus der Zeit, in der diese irrigen Grundsätze noch nicht vorhanden waren, zurückverlangen. Der Arbeiter soll wieder Leibeigner, der Handwerker in das starre Zunftwesen zurückgetannt, die Fabrik dadurch unmöglich werden! Oder, wenn der Herr Bischof nicht soweit geht, muß er doch wenigstens Mecklenburger Zustände zurückverlangen, unter denen von den 244 Quadratmeilen des Landes 105 Quadratmeilen Domanialgüter, 103 ritterschaftliche Besitzungen, 27 städtische und 7 klösterliche Besitzungen sind, so daß im ganzen Lande nur 6 Bauerngüter vorhanden und wo in den Städten der furchtbarste Zunftdruck stattfindet. Da hat dann das fruchtbare Land verhältnißmäßig die geringste Einwohnerzahl im ganzen gesegneten Deutschland; da gibt es nur Herren und Arbeiter, letztere ohne eigenen Herd und dem Prügelstock der Junker unterworfen; da übertreffen die unehelichen Geburten die ehelichen an Zahl; da wandert 'fa Procent trotz allen gesetzlichen Schwierigkeiten und dem Mangel an Ueberfahrtsmitteln jährlich aus; da müssen die Herren sich aus den umliegenden Ländern Arbeiter holen, weil es an solchen, um das Land zu bestellen, bereits mangelt; da braucht freilich die Wissenschaft nicht umzukehren und Handel und Industrie üben ihre verderblichen Wirkungen nicht aus. Fürwahr, wir sind keine unbedingten Lobredner der Gegenwart, wir verschließen unsere Augen vor der Mangelhaftigkeit unserer Zustände, vor der Noth und dem Elend vieler Menschenbrüder nicht — aber wir verschließen sie ebenso wenig vor den Errungnissen und Fortschritten der Menschheit, vor den traurigen Zuständen der Vergangenheit, nach welchen nur diejenigen sich zurücksehnen können, welche für bestimmte privilegirte Classen Vortheile und Vorzüge, Herrschaft und Besitz wieder hergestellt oder eonservirt verlangen, und wir glauben gerade deshalb echt religiös zu sein, weil wir darin das Walten der göttlichen Vorsehung erkennen, preisen und anbeten und weil wir damit das Wort der heiligen Schrift der Verwirklichung sich nähern sehen: „Ein Gesetz und ein Recht soll allen im Lande sein!" So verhält es sich mit der ersten Anschuldigung in der vorliegenden Schrift; betrachten wir nun die zweite.*) (Fortsetzung folgt.) Aus dem Griente. Damrscus, 31. Juli. Schreiben des Hrn.Albert Cohn an die Redaktion d. Zeitg. Obgleich noch nicht am Ende meiner Pilgerfahrt angelangt, indem ich noch über Beirut und Smyrna nach Konstantinopel zu Der Herr Bischof weist aus der Statistik nach, daß die Sterblichkeit in den arbeitenden Claffen viel größer sei als in den wohlhabenden. — Dies ist wahr, so wahr, wie daß die Geistlichen die höchste Lebensdauer erreichen, die Aerzte die geringste, wie daß alle Städter eine geringere Lebensdauer haben als die Landbewohner, und daß es Beschäftigungen unter den wohlhabenden Claffen gibt, deren Lebensdauer nicht größer als die der arbeitenden Claffen ist. Dies hat aber nichts mit unserer obigen Auseinandersetzung zu thun. Denn es ist ebenso gewiß, daß die Lebensdauer aller Claffen sich seit einem Jahrhundert bedeutend erhöht hat. Wir wollen nur einen Beweis anführen. Macaulay, Geschichte Englands, Bd. H, S. 175 (Leipzig, 1850) sagt: Das Jahr 1685 galt nicht für ein ungesundes, und doch starben im Jahre 1685 mehr als einer aus 23 Einwohnern der Hauptstadt; gegenwärtig stirbt jährlich nur 1 Einwohner der Hauptstadt aus 40. In jener Zeit empfing */5 der englischen Bevölkerung Almosen, während jetzt in guten Jahren J/13 und in schlechten Vio. Ein Brot, wie es jetzt den Insassen eines Arbeitshauses gereicht wird, war damals selbst auf dem Tische eines Freisassen oder eines Krämers selten zu sehen. Macaulay erweist diese und andere Resultate seiner Untersuchungen mit unzweideutigen Documenten. Er schließt: „Damals war es, wo Pächter und Krämer von Broten frühstückten, deren bloßer Anblick einen Tumult in einem modernen Arbeitshause erregen würde, wo die Menschen in der reinsten Landlüft schneller starben, als sie jetzt in den verpesteten Gäßchen unserer Städte sterben, und wo die Menschen in den Gäßchen unserer Städte schneller starben, als sie jetzt auf der Küste von Guiana sterben." Ebenso ist es erwiesen, daß in Frankreich vor der Revolution 1 von 25 gestorben, gegenwärtig durchschnittlich 1 von 35 jährlich stirbt. Es läßt sich ein ähnliches Ergebniß aus allen civilisirten Ländern anführen. Doch genügen für uns an diesem Orte diese beiden Angaben.