Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 36 (30.8.1864)
- Date
- 1864-08-30
- Page
- Seite 557 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226455--22400-3259670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
557 relisch diseutirt und die heilige Schrift, ich meine insonders die 5 Bücher Mosis, beschäftigt sich mit ihr aufs gründlichste, wie Plato und Aristoteles sie behandeln und wie sie uns noch gegenwärtig aufs ernsteste occupirt. Diese Frage regte zu aller Zeit die bittersten Kämpfe auf und die Sklavenkriege der Römer, die Jacquerien und Bauernkriege und der pariser Junikampf von 1848 gleichen sich aufs Haar, denn sie beabsichtigen alle, die bestehende sociale Ordnung gewaltsam umzustürzen, während auf diesem Gebiete jede Veränderung nur aus einer langen Entwickelung hervorgehen kann — gewiß lang, denn das Sklaventhum besteht noch heute im mohammedanischen Orient wie im christlichen Nordamerika und mit der Leibeigenschaft hat noch jetzt Rußland zu kämpfen. Wer wird aber nun nicht erkennen wollen, daß in den drei angeführten Stufen eine mächtige, fort» schreitende Entwickelung enthalten ist? Welch ein Fortschritt liegt in der Leibeigenschaft gegen das Sklaventhum! Welch ein noch ungleich größerer Fortschritt in dem freien Arbeiterstande gegen die Leibeigenschaft! Der Sklave war nur eine Sache, der Leibeigene gehörte einem andern an, aber er war doch schon Mensch, und so klein auch der Rest der Freiheit war, den ihm die Herren gelaffen, so stand dieser doch schon als Recht fest, der freie Arbeiter gehört sich selbst an, hängt von seinen persönlichen Verhältnissen und von seinem persönlichen Willen ab. Der Sklave war besessen und somit besitzlos, der Leibeigene gehörig und darum auch besitzlos, der freie Arbeiter ist nichts als besitzlos und auf seine Arbeitskräfte angewiesen. Gerade darum steht er aber auch in Gefahr, wenn auch nicht seine Freiheit doch seine Unabhängigkeit zu verlieren, und die Frage, die für ihn besteht, enthält das zwiefache Moment, die Sicherung seiner Unabhängigkeit und die Sicherung seines Lebensunterhaltes. Für die erstere hat der Staat durch das Verbot des Trucksystems *) einen wichtigen Schritt vorwärts gethan, die letztere bildet die Hauptschwierigkeit. Dieses Verhaltniß des Arbeiterslandes liegt aber nothwendig in dem Zustand und dem gesammten bisherigen Entwickelungsgang der menschlichen Gesellschaft. Das Besitzthum *) Unter Trucksystem versteht man das früher fast allgemeine Verfahren der Fabrikherren, ihren Arbeitern alle Lebensbedürfnisse selbst zu liefern, ihnen Vorschüffe in Maaren zu geben und zuletzt, wenn sie dieselben auf diese Weise in ihren Händen hatten, einen Theil ihres Lohnes in hochangerechneten und zum Theil nutzlosen Maaren auszuzahlen. lag zu aller Zeit in den Händen des einen Theils der Menschen, während der andere Theil besitzlos war. Wenn die Menschheit bis jetzt im Stande war, diesen besitzlosen Theil vom Sklaventhum bis zur Freiheit des jetzigen Arbeiters zu führen, so hatte sie doch nicht die Befähigung, dem gesammten besitzlosen Theil Besitz zu geben. Die Aufhebung des Sklaventhums und der Leibeigenschaft mußte diese Besitzlosigkeit noch fühlbarer machen und die unter dem Einstusse der Cultur und Civilisation steigende Zunahme der Bevölkerung machte sie erkennbarer. Da trat die außerordentliche Entwickelung der Industrie und des Handels auf, um die nächsten Hilfsmittel für die Besitzlosen, den Erwerb durch industrielle Arbeit darzubieten. Um wie viel schwerer würde die Wucht der Verhältnisse sein, wenn dieser Aufschwung der Industrie nicht stattgefunden hätte. Aber es war damit der Uebelstand verbunden, daß einerseits dadurch eine große Zahl von Proletariern sich an den Fabrikstätten sammelte, namentlich in den Städten, während sie früher durch das Land zerstreut waren, und daß andererseits die Industrie gewissen Krisen und Stockungen ausgesetzt ist — wobei freilich nicht zu vergessen, daß der Landbau noch viel häufiger Zeiten des Mißwachses erfährt. Aber diese Freiheit ist es doch nicht allein, welche die neuere Zeit für die arbeitenden Claffen errungen. Wie wir schon einmal einem ähnlichen Gegner gegenüber (Stahl) auseinandergesetzt, die Lage des Volkes ist gegen die früheren Zustände in materieller und geistiger Beziehung eine ungleich bessere geworden. Wohnung, Kleidung, zum Theil auch Nahrung haben sich vielfach gebessert) größere Reinlichkeit, größere Sorgfalt in der Behandlung der Kranken; dann der allgemeine Schulunterricht, die Einwirkung der Kunst auch auf die niederen Volksschichten, die Theilnahme an dem allgemeinen Weltleben: sie haben auch für den Arbeiterstand ein besseres, ganz anders geartetes Leben eröffnet. Pestilenzen, Seuchen, Epidemien wüthen darum seltener und viel schwächer als in früherer Zeit, wo sie oft mehr als die halbe Bevölkerung hinrafften. Hungersnoth ist jetzt nur in ganz entlegenen Gegenden möglich, da die allgemeine und leichte Communication die Früchte des einen Landes dem Mangel des anderen zuführt. Wenn auch im Mittelalter die Klöster die Werke der Wohlthätigkeit reichlich übten, so läßt sich dies doch nicht mit dem geregelten Armenwesen der Communen, den zahllosen Privatvereinen, den Unterstützungskassen aller Art u. f. w. vergleichen. Wer nur einen Blick in das frühere Bettelwesen wirft, der er- 38 *