Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 36 (30.8.1864)
- Date
- 1864-08-30
- Page
- Seite 556 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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556 befähigt ist, wahrend daS andere unausführbar, gefährlich und zuletzt doch nur wirkungslos erscheint. Hierzu gesellte sich nun vor einigen Monaten der bekannte Mainzer Bischof und will in den kirchlichen Heilmitteln die Rettung des Arbeiters finden. Der Herr Bischof setzt in dem Vorwort ausführlich die Rechtfertigungsgründe auseinander, weshalb er sich mit dieser Frage beschäftige. Wir glauben kaum, daß dies nothwendig gewesen. Denn hierzu ist wohl jeder berufen, der über diese hochwichtige Angelegenheit etwas zu sagen hat oder doch der Rede Werth zu haben glaubt. Es muß sogar Werth sein, daß auf diese Weise die Existenz der Arbeiterfrage in gewissen Kreisen anerkannt wurde, welche sie am liebsten ganz ignoriren oder verleugnen möchten. Wir gestehen nun offen, daß, wenn der Bischof von Ketteler, ob auch von seinem Standpunkte, doch in objectiver Weise ruhig würdigend, was vorliegt und geschehen ist, die ganze Frage behandelt hätte, wir es durchaus nicht für unsere Obliegenheit gehalten hätten, darüber uns auszulassen, wenn auch seine Resultate keine Uebereinstimmung bei uns gefunden. Aber der Bischof thut dies nicht. Er stellt sich vielmehr von vornherein auf den allen Grundsätzen der modernen Gesellschaft feindlichsten Standpunkt, hält alle Erscheinungen, alle Schwierigkeiten, alle vorhandenen Mängel für Ausgeburten des Liberalismus, ohne welchen jene gar nicht existiren würden, beschuldigt den Liberalismus, dem Volke stets nur Verheißungen gemacht zu haben, um es zu seinen politischen Zwecken zu mißbrauchen, ohne daß er jemals die Lage des Volkes in irgend etwas gebessert habe. Der geistliche Herr schlägt dabei den offenkundigsten historischen Wahrheiten mit einer erstaunenswerthen Leichtigkeit ins Gestcht. Soweit unsere Kenntniß geht, haben die liberalen Parteien diese schweren Anschuldigungen des Bischofs zurückzuweisen sich keine Mühe gegeben, vielmehr die vorliegende Schrift fast ganz ignorirt. Wir glauben, daß sie darin Unrecht gethan. Es war immer ein Fehler der liberalen Parteien, ihre Geltung zu über- und die Macht ihrer Gegner zu unterschätzen. Eine reiche Erfahrung hatte sie vom Gegentheil langst belehrt haben sollen. Es gibt immer große Massen, welche auf schwankendem Boden stehen und sich sehr leicht dem eifrig und bestimmt auftretenden Gegner ergeben. Es gibt immer viele, die sich von glänzend vorgetragenen Argumenten bestechen und blenden lassen, weil sich ihre eigene Ansicht noch lange nicht genug befestigt hat. Es gibt endlich nicht wenige, welche nur auf einen plausibeln Vorwand warten, um in das Lager der Gegner überzugehen. Es ist eine alte Taktik aller Parteien, Behauptungen und Anschuldigungen, die mehrfach vorgetragen worden, ohne daß sie ebenso oft ihre Widerlegung gefunden, einfür allemal als erwiesen auszugeben und durch diese kecke Voraussetzung nicht wenige zu blenden. Wir Juden dürfen in diesen Fehler nicht verfallen. Die Macht unserer Gegner ist noch zu groß, ihre Verfahrungsweise gegen uns ist zu bestimmt und sicher, die Bürgschaften für die Anerkennung und Realisirung unserer Rechte zu sehr der Willkür obstegender Feinde hingegeben, als daß wir nicht stets auf der Wacht sein müßten und jeden Versuch, die gegnerischen Principien geltend zu machen, zurückzuweisen haben sollten. Der Liberalismus, den der Bischof von Ketteler bekämpft, umfaßt und trägt auch die Anerkennung der bürgerlichen Gleichberechtigung; der Antiliberalismus des Mainzer Bischost vernichtet auch unsere bürgerliche Stellung und die Wiederherstellung der früheren Ausschließung gehört zu dessen ersten Zwecken. Wir dürfen daher dem Gebahren dieses Antiliberalismus nicht ruhig zusehen und müssen ihn, soweit es an uns ist, bekämpfen. Der Verfasser der vorliegenden Schrift führt also zwei Momente gegen den Liberalismus ins Feld, die wir zu betrachten haben. Er sagt zuerst: „Im übrigen bildet die Lage des Arbeiterstandes einen Theil der großen socialen Frage, die ein nothwendiges Ergebniß aller irrigen religiösen, politischen und wirthschaftlichen Grundsätze, die der antichristliche Liberalismus überall verbreitet, aus dem Gebiete des Volkslebens ist." Man sieht, dies greift weit über die Arbeiterfrage hinaus, dies geht auf alle religiösen, politischen und wirthschaftlichen Erscheinungen unserer Zeit ein, erklärt sie für irrig und imputirt ihnen alle vorhandenen Uebelstände. Aber mit Verlaub, Herr Bischof, es ist nicht wahr, die Arbeiterfrage ist kein Ergebniß der neueren Zeit, sie ist so alt wie die Menschheit. Das Alterthmn hatte das Sklaventhum, das Mittelalter die Leibeigenschaft, die neuere Zeit hat den freien Arbeiterstand. Die Frage um die Lage und Verhältnisse der arbeitenden Classen war daher immer da; sie drehte sich im Alterlhume um die Lage und Verhältnisse der Sklaven, im Mittelalter um die Lage und Verhältnisse der Leibeigenen, in der Gegenwart um die Lage und Verhältnisse der freien Arbeiter. Die Frage ist in der Tiefe immer dieselbe, wenn sie auch nach der fortschreitenden Gestaltung und Stellung der arbeitenden Classen sich anders gestaltet, anderen Inhalt hat, andere Probleme stellt. Diese Frage wurde zu aller Zeit theo-