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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-08-23 · Heft 35 (23.8.1864) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 35 (23.8.1864)
Date
1864-08-23
Page
Seite 546 (sequence 8)
Language
German
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548 h. Schrift und der Talmud die göttliche Vorsehung, und nicht blos die fünf Bücher Mosis, sondern auch die sämmtlichen Bücher der h. Schrift, Propheten und Hagiographen müßten nach der Meinung des Hrn. W. interpolirt und corrumpirt sein, und zwar bis in alle einzelnsten Worte hinein. Mag Hr. W. Zusehen, wie er hiermit fertig werde. Wir haben aber schon in den früheren Artikeln gezeigt, wie die Anschauung des Hrn. W. pantheistisch und völlig antimosaisch ist. Will Hr. W., daß die Wirklichkeit und Wahrheit sich seiner Anschauung unterordne? Die Geschicke der Menschen sollen die Folgen ihrer Thaten sein? Ich habe einen Verschwender gekannt, der durch die sinnlose Vergeudung seines Vermögens sich, sein Weib und seine Kinder in das größte Elend, in die furchtbarsten Entbehrungen stürzte. Nach einigen Jahren starb ihm ein Oheim, der ihm ein großes Vermögen hinterließ, durch welches er mit einem Male wieder in den behaglichsten Ueberfluß versetzt wurde. Ist ihm und den Seinigen diese Rettung durch seine Handlungsweise gekommen? Der Oheim hatte die bestimmte Absicht, seinen verschwenderischen Neffen zu enterben, und wurde hieran nur durch den plötzlich eingetretenen Schlaganfall verhindert. Solche Vorgänge kommen täglich zu Tausenden vor und kein System in der Welt vermag sie zu leugnen. Jeder Mensch schaue in sein eigenes Leben zurück und frage sich, wie viel darin Folge seiner Handlungen und wie viel Fügung ist, die er nicht hervorgerufen und die er nicht ändern konnte. Und wie? Ist dadurch die Freiheit des Menschen wirklich behoben? Der Mensch hat freien Willen, aber er ist nicht frei. Er ist gebunden an die Gesetze der Natur; er ist gebunden durch die Verhältnisse zu seinem Nebenmenschen; er ist gebunden durch die Um- und Zustände, in die er von Beginn an hineingeboren ist und die ihm auf seinem ganzen Lebensgange begegnen. Innerhalb aller dieser Momente der Gebundenheit steht er mit seinem freien Willen da und hat ihn zu bethätigen, kann ihn bethätigen dem größten Zwange, der furchtbarsten Tyrannei gegenüber. Der Mensch hat die Aufgabe, innerhalb der Naturgesetze und der göttlichen Fügung seinen freien Willen zu üben. Dies sagt der unverfälschte Moses, dies sagt jede vernünftige Philosophie, dies sagt die tägliche Erfahrung — und wenn Hr. W. eine andere Anschauung hat, so wollen wir sie ihm nicht nehmen, wohl aber ihm das Recht bestreiten, den Moses für verfälscht zu erklären, weit er nicht lehrt, was Hr. W. denkt, und aus seinen Ansichten heraus uns den Moses zu verfälschen. Bonn, im August. In diesem Monat noch wird die hebräische Ausgabe der ganzen Bibel mit großen Typen vollendet. Die israelitische Bibelanstalt hat also nun bereits zwei Ausgaben des ganzen ‘■p'n, eine mit kleineren, eine mit großen Typen, ferner eine Ausgabe der ganzen deutschen Bibel mit schönen Typen, zwei Ausgaben des Pentateuchs hebräisch und deutsch, mit kleineren und großen Typen veranstaltet. — Die große Verbreitung, welche bereits alle diese Ausgaben in allen Welttheilen gefunden, erweist die Zweckmäßigkeit und das Bedürfniß der mit so geringen Mitteln gegründeten Anstalt. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Speier, im August. «Privatmitth.) Die „Chaliza" vor den Schranken. Tausendjährige Gebräuche mögen romantisch-mittelalterlichen Geistern leicht von einem poetisch-heiligen Zauber verklärt erscheinen. Tausendjährige, von den Ahnen unserer Ahnen überlieferte Ceremonien anzutasten, mag uns kindlich-religiöse Scheu verbieten. Aber wie? wenn dieselben unseren höchsten sittlichen Anschauungen widerstreiten; unsere menschlichsten Gefühle verletzen; manchem Lebensglücke grausam Wunden schlagen; allen denkenden Mitmenschen uns entfremden; unsere Religion in ihren Augen entwürdigen und unter unseren eigenen Glaubensgenossen die Religionsübung gefährden? Die Chaliza hat das alles tausendfach verschuldet! Nur dem völlig blinden, jeder vernünftigen Betrachtung feindlichen Fanatiker des buchstäblichen Ceremonialismus können wir gestatten, ihr das Wort zu reden. In den Büchern Mosis, ruft man, ist die Chaliza vorgeschrieben! Aber auch die Hebegaben, Opfer und Zehnten sind darin vorgeschricben und sind einer andern Cultur, einem andern Cultus gewichen! — Auch das Levirat ist darin vorgeschrieben — das Levirat ist aufgehoben und sonderbar! die Chaliza, die dem Levirat entsprang, ist bestehen geblieben! — Moses hatte die heidnische Sitte der Levirats-Ehe, was die Geschichte der Söhne Juda's und der Thamar beweist, in ihrer unerbittlichen Strenge vorgefunden.

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