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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-08-23 · Heft 35 (23.8.1864) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 35 (23.8.1864)
Date
1864-08-23
Page
Seite 545 (sequence 7)
Language
German
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545 sie nicht damals schon einen Herrn W. erzeugt haben, und die Folgen dieses Fehlers mußten wir bis heute tragen. — Geben wir nur ein Beispiel. Hr. W. will durchaus, daß der Talmud den Glauben über die Werke stelle. Der Glaube ist ihm im Talmud das von diesem so hochgeachtete und aufs dringendste empfohlene Studium des Gesetzes. Er führt daher mehrere Talmudstellen an, aus denen hervorgehe, daß das Studium des Gesetzes höher stehe als die Werke. Freilich führt er auch eine Stelle an, wo einfach gesagt wird, daß das Werk höher stehe als das Studium. Hier aber müssen wir doch dem Hrn. W. vorwerfen, daß er diese Meinung so karg abspeist, während er hundert andere Aussprüche dafür hatte anführen können, z. B.: P. A. I, 17. II, 2. III, 12. u. s. w., in welchen allen die Gelehrsamkeit bei weitem der Ausübung nachgestellt, jene ohne diese für nichtig erklärt wird und dies von den größten Autoritäten des Talmuds. Würde Hr. W. nur einen Blick auf das Ganze des Talmuds geworfen haben, wie dieser eine ungeheure Menge von Geboten allen Juden, gelehrten und ungelehrten, auferlegt, den Gelehrten von der Erfüllung keines einzigen dispensirt, auf die Hintansetzung jedes einzelnen Gebotes die Strafe erfolgen läßt, ob der Sünder gelehrt oder ungelehrt sei, studire oder nicht studire, so hätte er einsehen müssen, daß der Talmud die Ausübung des Gesetzes weit über das Studium desselben setzt. Der Talmud verlangt das letztere vor allem, weil er das mit Bewußtsein und Wissen geübte Gebot mit Recht weit über das in Unwissenheit, nur nach dem Beispiele geübte setzte, weil das Studium des Gesetzes den Geist erleuchte und heilige und der von jenem Durchdrungene sich sorgfältiger vor Sünde und Vergehen hüten werde. Herr W. irrt also vollständig, selbst wenn wir seine Voraussetzung gelten Ließen. Wer sagt aber, daß Gesetzesstudium und Glauben einerlei sei? Jenes ist und will das Wissen, ist und will die Untersuchung und Prüfung, Glauben, das christlich-dogmatische Glauben ist und will das Gegentheil. Man sieht an diesem einen Beispiel, wie es um die Beweisführungen des Hrn. Weill steht. — Es geht aber Herrn W. der eigentliche Einblick in das Wesen des Talmuds ab oder er stellt sich so, weil er sonst zu seinen präsumirten Schlüssen nicht kommen konnte. Herr W. weiß, daß der Talmud selbst seinen Inhalt in einen zwiefachen trennt, in die Halacha und Azada. Der Halacha schreibt der Talmud, soweit aus den Diseussiouen schließlich ein bestimmtes Resultat hervorging, die volle Rechtsgiltigkeit zu; die ganze Agada aber gilt ihm nichts als gelegentliche Auslegung der Einzelnen, die er zum freien Belieben überliefert; sie ist ihm nichts weiter als Midrasch, freie Deutung für die Predigt. Alles, was nun Hr. W. als Dogmatisches anführt, gehört hierhin, ist also der reine Gegensatz von Dogma, von eigentlicher Lehre, also von Lehr- und Glaubenssatzung. Die sämmtlichen Folgerungen des Hrn. W. fallen hiermit zusammen. — Wir glauben in dieser Beurtheilung auf Unparteilichkeit Anspruch machen zu können, da wir niemals angestanden, die Schwächen des Talmuds anzuerkennen. — Den letzten Theil des vorliegenden Werkes, die Paraphrase, können wir hier übergehen. Hr. W. zieht hier seine Schlüsse und es ist kein einziger derselben, dem wir beistimmen könnten. Der Abschnitt wimmelt von Extravaganzen. Die Geschichte der Juden wird hier von einem Gesichtspunkte betrachtet, der all den falschen Prämissen und schiefen Auffassungen des Vers, analog ist. Wollten wir in alle Einzelnheiten eingehen, um die Irrungen des Vers, nachzuweisen, müßten wir ein Buch schreiben, und wir haben von Anfang an gesagt, daß dies der Grund sei, warum ein ehrlicher Kritiker sich auf die Besprechung der Schriften des Hrn. W. nicht einlassen kann. Werfen wir daher nur noch einen Blick auf das Ganze. Die Wurzel des ganzen Systems des Hrn. W. ist: Gott ist das unveränderliche Gesetz und der Mensch ist frei. Darum keine göttliche Vorsehung, keine Sündenvergebung, sondern strengste Folgen jeder guten und bösen That. Der Talmud und das Christenthum sollen aber den Fatalismus und die Einmischung Gottes in die menschlichen Angelegenheiten lehren, und zu Gunsten dieser haben die Pharisäer die fünf Bücher Mosis interpolirt und corrumpirt. Daß der Talmud den Fatalismus lehre, ist eine Erfindung des Hrn. W. Der Talmud, der sogar die bestimmten Strafen, die auf jede Gesetzesübertretung erfolgen, kennt, z. B. der Aussatz aus die Verleumdung, so daß der Aussatz der Häuser, der Kleider und der Personen nacheinander durch die fortgesetzte Verleumdung bewirkt wird (vgl. Maim. M. R. III, 47.), ist der v-olle Gegensatz des Fatalismus, und Hr. W. hätte in seiner Weise den Talmud gerade zu seiner Unterstützung ge- oder mißbrauchen können — denn so zieht sich ja der Mensch seine Schicksale durch seine Handlungen zu, die irr seinem freien Willen stehen. Dem talmuvkundigen W. brauchen wir nicht zu sagen, daß der Talmud dies bis auf Fehlgeburten und Räuberansälle durchführt. Dahingegen lehren allerdings die ganze

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