Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 35 (23.8.1864)
- Date
- 1864-08-23
- Page
- Seite 544 (sequence 6)
- Language
- German
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544 drückung, Freiheit der Person nnd Mangel kriegerischer Intentionen, daher Wegfall der Kriegerkaste für das Innere wie für das Aeußere — da weht kein ägyptischer Geist, da waltet kein ägyptisches Leben, sondern sein vollkommener Widerspruch. Aegypten war die Pflanzstätte des Mosaismus — als Gegensatz und aus dem Gegensätze heraus. Es bewährt sich aber gerade hier, daß auch die höchsten und lautersten allgemeinen Sittenlehren nichts fruchten — wo sie auf die socialen und politischen Zustände keinen unmittelbaren und geradezu gestaltenden Einfluß erhalten, wo zwischen „dem Reiche der Religion" und dem „Reiche dieser Welt" stricte unterschieden wird. Ja, die ägyptische Sittenlehre soll sich schon bis zur Nächstenliebe erhoben haben — sie hat dem ägyptischen Landmanne gerade so viel geholfen, wie dem türkischen Bauer dieselbe Lehre im Koran neben dem darin gepredigten Despotismus, wie dieselbe Lehre dem römischen Sclaven, dem amerikanischen Sclaven, dem europäischen Leibeigenen gegenüber! Wenn Brugsch sich bemüht, die ägyptische Sittenlehre in den Himmel zu erheben — er schlägt sich selbst durch die einfache Inschrift, die er miltheilt. Nebenbei sieht man, wie lächerlich die Kritik sich gemacht hat, wenn sie ehemals behauptete, Moses habe den Pentateuch gar nicht abfassen können, weil man damals noch nicht ein so umfängliches Werk zu schreiben vermochte und die benöthigten Materialien nicht hatte! Gab es doch schon eine ägyptische Literatenkaste und eine ganze Bibliothek. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 14. August. Mo‘fse et le Talmud, par Alexandre Weill. (Schluß.) Was Herr Weill in dem dritten Abschnitt seines Werkes über den Talmud sagt, erscheint uns ganz werthlos. Wir wollen dies erweisen. Schon was er über den Ursprung des Talmuds behauptet, ist historisch unrichtig. Er sagt, der Talmud beginnt mit der Epoche, wo die Hohenpriester sich der höchsten Gewalt während des zweiten Tempels bemächtigten, und unter dem Einfluß und im Geiste dieses- Regimes hätten die Rabbinen das mosaische Gesetz commentirt und ausgelegt. Freilich hält dies unseren Verfasser nicht ab, fünf Seiten später den Talmud für den Repräsentanten „der radicalsten Demokratie", für „die unbegrenzte Freiheit des Wortes" zu erklären. Herr W. scheint diesen Widerspruch gar nickt zu gewahren. In der Thal ist der Talmud der lebendigste Protest gegen alle priesterlicke Gewalt. Die Gelehrsamkeit, die dem ganzen Volke gehört, stellt ihren Inhaber weit über den Priester und der gelehrte Bastard steht über einem unwissenden Hohenpriester (Horaj. IH, 8.). Nicht einmal den Vorsitz im Sanhedrin räumte man dem Hohenpriester ein, und er wie alle Priester konnten in dasselbe nur eintreten, wenn sie zugleich Gelehrte waren; dahingegen unterstanden die Priester und der Hohepriester der Gerichtsbarkeit des Sanhedrin (Sanhedr. II, 1. Midd. V, 1.). Nun braucht man auch nur die Geschichte der Hohenpriester seit den Makkabäern durchzulesen, um die geringe Macht, die ihnen auch damals einwohnte, zu erkennen. Was thut nun Hr. W.? Er bringt eine Menge Stellen aus dem Talmud zusammen, in welchen absurde Anthropomorphismen von Gott, Abergläubisches, Intolerantes u. s. w. ausgesprochen sind, und nimmt dieselben in buchstäblicher Geltung, ohne selbst den ersteren eine anderweitige Deutung zuzulassen, ohne die orientalische Ausdrucksweise zu berücksichtigen, ohne zu erwägen, daß in einem ungeheuren Sammelwerke die extravaganten Aeußerungen Einzelner nichts erweisen, sobald denselben eine volle dogmatische Geltung nicht ertheilt wird. Hr. W. ist gerecht genug, um in jeder einzelnen Rubrik auch die geradezu entgegengesetzten Aeußerungen anderer Talmudlehrer anzuführen. Jeder andere Kritiker hätte daraus den Schluß gezogen, daß hiermit der Talmud selbst die wirkliche Geltung aller dieser dogmatischen Sentenzen weder anerkennt noch anerkannt haben will. Die Geschichte hat dies auch bekräftigt, denn es ist niemandem, selbst dem Maimonides nicht gelungen, dem Judenthume eine Reihe dogmatischer Glaubensartikel zu octroyiren. Hr. W., trotzdem er dies alles selbst sagt (s. S. 212.), beachtet es doch nicht, sondern zieht daraus den Schluß, daß Talmudismus und Christenthum ganz einerlei waren,-indem dieses nur „den Namen Jesus an die Stelle des Jehova gesetzt und alle Juden doch nichts anderes als Christen seien." Schade, daß wir auf Hrn. Weill haben warten müssen, um uns dies zu erweisen; wie viel Blut und Thränen wären erspart worden! Wo bleibt da die von Weill allein anerkannte Gerechtigkeit Gottes, erst im 19. Jahrhundert einen Mann zu erwecken, der dieses Geheimniß ausspinntisirt, während er doch vor 18 Jahrhunderten hätte gesandt werden sollen! Nach dem System des Hrn. W. ist dies freilich ein Fehler unserer Bäter, daß