Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 35 (23.8.1864)
- Date
- 1864-08-23
- Page
- Seite 540 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Wurzel abhauen könnte, daß es abstirbt, oder in das Fleisch einschneiden, daß es verbluten müßte. Es ist auch kein Gebäude, das von Beginn an nach einem genauen Plane in Fundament-, Mauern- und Dachwerk sorgfältig aufgeführt ward, vollendet und abgeschlossen mit seinem Entstehen, so daß, wer den Boden durchwühlt und die Grundmauern erschüttert, es zum Falle brächte. Alle diese Gleichnisse hinken. Nein! Das Judenthum hat zu viel Concretes und Positives, es ist zu sehr eine viertausendjährige geschichtliche Erscheinung, die sich in allen ihren Epochen immer wieder geboren und neu gestaltet hat, im frischesten Leben aus ihrem eigensten Wesen immer wieder erzeugt hat, als daß es von einem bestimmten Punkte »aus angegriffen und zerstört werden könnte. Wir schätzen die Arbeiten der Schriftkritiker nach ihrem Werthe. Wollen sie uns nur nicht zwingen, ihre sich tausendfach widersprechenden Resultate für wirklich und unumstößlich anzunehmen, sondern uns gestatten, den Fortgang der Wissenschaft abzuwar^en, die täglich Neues und Bedeutendes aus dem Schutt und den Trümmern der Zeiten ans Licht schafft, so mögen wir auch diese Geistesarbeit achten und das mancherlei Dunkel, das sie zerstreuen hilft, die Geistesfreiheit, die sie befördert, die vielen Einzelnheiten, die sie beleuchtet, aufrichtig würdigen. Aber daß sie damit dem wirklichen und wesentlichen Judenthume zu nahe treten, es schädigen, gefährden oder nur wankend machen, können wir weder ihrer eigenen Selbstüberschätzung noch dem Geschrei der Buchstabenfanatiker zugestehen. Das Judenthum ist die Lehre von Gott, dem Schöpfer des Weltalls, vom einzigen Gotte, die Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, von dem sich selbst bestimmenden, freien Menschen, die Lehre von der göttlichen Vorsehung und von der göttlichen Vergeltung, die Lehre von der Gleichheit aller Menschen und der Einheit des Menschengeschlechts, von der daraus erwachsenden Gesellschaft und den natürlichen Rechten des Menschen, die Lehre von der Heiligung, d. i. der religiösen und sittlichen Bestimmung des Menschen, die Lehre von der Liebe in Gott und dem Menschen, wie sie sich in allen menschlichen Institutionen zu bethätigen hat, die Lehre von der Unmittelbarkeit Gottes zum Menschen und darum von der Sündenvergebung durch Reue und Besserung; diese Lehre mit allen ihren Consequenzen ist das viertausendjährige Judenthum, und was hätte dies nun von dem Streite um Abfasser und Abfassungszeit der heil. Schriften, um Authentie oder einige Jahrhunderte spateren Ursprung zu fürchten oder zu hoffen? Das Judenthum ist auch das Streben nach Jdenlificirung von Lehre und Leben, das Hineinziehen von Sitte und Brauch in das religiös-sittliche Leben oder die Ausdehnung des Religiös- Sittlichen auf Sitte und Brauch, die Religiosität und Heiligung aller Lebensverhältnisse, und hieraus ist das ganze traditionelle Gesetzeswesen entsprungen und entwickelt sich immer von neuem, und was hätte dies mit allen antiquarischen Forschungen und literär-historischen Grübeleien direct zu thun? Nein! Der Kampf des Judenthums liegt ganz wo anders. Es kämpft um sein: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Es kämpft um sein: „Gott ist Richter der ganzen Erde!" Es kämpft um sein: „Dies ist das Buch der Geschlechter Adams!" Es kämpft um die Freiheit des menschlichen Wesens und Willens, um das Menschenrecht, um die Heiligung in Gott, Liebe und Recht — und dazu holt es die Waffen nicht aus der Rüstkammer der Kritik, sondern aus dem Arsenal der Geschichte, die es an sich verkörpert sieht, der Vernunft und des Herzens, mit denen es sich in Uebereinstimmung weiß. Und auch praktisch. Wer von der Norhwendigkeit des Sabbaths überzeugt ist, wird dessen Heilighaltung nicht von den Untersuchungen über die Verschiedenheiten des Exodus und Deuteronomiums abhängig machen; wer von der Verpflichtung des Pessachgesetzes oder von der national-religiösen Bedeutung der Mazzoth erfüllt ist, wird die Satzung halten, was man auch aus dem Vorgänge unter dem Könige Josias herleiten wolle. Niemals ist der Geist der Lauheit aus der Kritik, sondern eher umgekehrt, hervorgegangen. Von der Besorgniß über die Angriffe gegen die h. Schrift können wir uns also frei machen. Im Gegentheil. Vielleicht regen diese wieder viele zum Studium der Bibel an, dann wird die Siegerkraft der ewigen Wahrheiten, die sie uns entgegenbringt, sich abermals bewähren. Wort und Geschichtserzählung können bekrittelt werden — die ewige Lehre, der wahre Gedankeninhalt, das lautere Gesetz bleibt unberührt, und erst in diesen liegt das Heil. Zerstreute Bemerkungen. Dr. Ludwig August Frankl erzählt in der „Presse" über die Ankunft Meyerbeer's in Wien, als dessen „Hu-