Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 34 (16.8.1864)
- Date
- 1864-08-16
- Page
- Seite 525 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226453--22366-3259634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5L5 aufy eineü solchen für die Einweihungsfeier herzustellen. Kommt man aber nach einiger Zeit, bisweilen schon am folgenden Tage dahin, so ist alles wieder zum alten Schlendrian zurückgekehrt, der Geist ist entwichen, die leere Form herrscht wieder wie vor alter Zeit. Man kann also sagen, daß die Verbesserung des jüdischen Gottesdienstes eher Rückschritte als Fortschritte gemacht, daß sie jetzt viel geringere Aussichten hat als vor zwanzig Jahren. Die Rabbinen dürfen deshalb nicht angeklagt werden. Sie leben zumeist in einer Abhängigkeit, die ihnen doch keinen entscheidenden Einfluß gestattet; die Gemeinden und insonders ihre Vorstände haben seit langer Zeit dahin gestrebt, die Autorität der Rabbinen möglichst zu ammlliren; die Männer, die vor zwei Jahrzehnten die Umgestaltung und Verbesserung anstrebten, wurden maltraitirt oder ernteten doch nur Undank, ohne daß sie in ihrem Bewußtsein durch ihre Erfolge entschädigt wurden; sie wurden dem Geschrei der Widerstrebenden preisgegeben, und es ist daher nicht zu verwundern, daß die jüngeren sich davon fernhalten — wenn sie sich nur nicht häufig zu den Widerstrebenden selbst gesellen möchten, was Leuten, die studirt und sich mit dem Doctortitel geschmückt haben, wenig ansteht und noch weniger Leuten, die mit der Geschichte, der Literatur und der Entwickelung des Judenthums und des jüdischen Gesetzes vertraut sein wollen und mit großem Pathos von dem Geiste und der weltgeschichtlichen Mission des Judenthums sprechen. Auf die Verbesserung des Gottesdienstes einzuwirken ist also vorzugsweise Sache der Vorstände und Repräsentanten der Gemeinden, und hier ist es, wo wir nicht genug aus den Umstand aufmerksam machen können, der eigentlich am meisten den Stillstand oder sogar Rückschritt auf diesem Gebiete bewirkt. Es ist dies, daß man eben nur das Bedürfnis^ jener Umgestaltung anerkennt; man sagt sich, was freilich niemand leugnen kann, daß die alte Beschaffenheit des Gottesdienstes unserer Zeit, unserer Bildung und Richtung nicht allein nicht entspricht sondern widerspricht, und daß daher das Erhalten dieser Beschaffenheit mit jedem neuen Geschlechts der Religion größeren, unheilbareren Schaden zusüge. Dies sagt man sich, aber nichts mehr, und — sieht es daher als ein Zugesiändniß der Widerstrebenden an, wenn sie erlauben, irgend eine unbedeutende Kleinigkeit zu ändern, ein Zugeständniß, wofür man ihnen zu höchstem Danke verpflichtet sei. Man erkennt es nicht, daß die Verbesserung des Gottesdienstes ihr volles Recht hat und daß darum es eine Pflicht, eine theuere, heilige Pflicht derer ist,-die an der Spitze einer Gemeinde stehen, die Verbesserung anzustreben und zu verwirklichen. Aus diesem Umstande kommt es, daß viele Männer bei jeder wesentlichen Verbesserung nicht eine freudige Befriedigung empfinden, sondern trotz aller Ueberzeugung, daß sie recht thnn, ein gewisses Gefühl des Unrechts, weil es eben noch manchen gibt, der jene nicht will. Man entschuldigt sich, weil man das thut, wozu man dockwesentlich verpflichtet ist. Nein! Nicht den Purpurmantel des Pompes soll das Judenthum umwerfen, nicht die bunten Gewänder phantastischer Scenen, welche die Sinne der Anwesenden bestechen sollen — aber es soll auch nicht in zerschlissenen und verblichenen Kleidern erscheinen, die ehemals zwar angemessen und wirkungsvoll waren, jetzt aber zerfallen und mit Staub bedeckt sind. Welch ein Widerspruch, wenn der Lehrer der Religion seinen Schülern die Herrlichkeiten des Judenthums offenkundig macht, wenn der Redner von der Kanzel die hohe Vernunft und die tiefe Gemüthlichkeit in den Lehren und Gesetzen des Judenthums verkündet, und nun stellt sich dies im öffentlichen Cultus in leerem, gedankenlosem Wortschwall und in unscheinbaren Ceremonien dar, die im Sinne knechtischer Kleinlichkeit für Herkommen und Observanz geübt werden. Mit Freuden erkennen wir an, daß der alte jüdische Gottesdienst vor Jahrhunderten für unsere Väter die höchsten Elemente der Erhebung, der Innigkeit, der Andacht, der Befriedigung, der lautersten Frömmigkeit enthielt. Aber wie wir selbst anders geworden, ist jener erhabene Geist aus diesen gottesdienstlichen Formen gewichen und diese müssen für uns andere werden, wenn in ihnen für uns jener Geist wiedererwachen soll. Dies ist es, was wir über diesen Gegenstand im allgemeinen unseren Lesern wieder einmal zum Bewußtsein bringen wollten. Möge es seine Wirkung nicht verfehlen und eine rechte Ueberzeugung und ein kräftiges Streben wiederanfachen. Die Ätbcl und die ägyptischen Denkmäler In diesen Tagen erschien eine Schrift: „Aus dem Orient" von Heinrich Brugsch, dem rühmlichst bekannten Aegyptologen und Perser, der früher zur preußischen Gesandtschaft in Persien gehört hatte. In der vorliegenden Schrift gibt er im zweiten Theile eine Ab- 34 *