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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-08-16 · Heft 34 (16.8.1864) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 34 (16.8.1864)
Date
1864-08-16
Page
Seite 524 (sequence 2)
Language
German
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524 vorhanden und wie aufgeklärt und erleuchtet die Mischna-- lehrer darüber dachten, wie lange der Gebetcyklus noch flüssig war und wie spät erst ein großer Theil desselben hinzugekommen und wie viele Verschiedenheiten die verschiedenen Ritus behalten haben. Es konnte also auch eine orthodoxe Ueberzeugung sich mit vielen Maßnahmen einer Umgestaltung einverstanden erklären. Und wie müssen wir nun nach einem halben Jahrhundert die oben aufgestellte Frage beantworten? Es ist herzlich wenig, was geschehen ist und dessen wir uns als eines sicheren Erwerbnisses rühmen dürfen. Ziehen wir das Facit im großen Ganzen, so sehen wir uns noch äußerst wenig vom Platze gerückt und all das Geschrei, Gezänk und Gelärm hat sich nur um unbedeutende Erfolge gedreht. Es war Wirbelwind, der das Fahrzeug im Kreise uncherwirft, aber nicht von der Stelle schasst, zugleich aus dem Lande Staubwolken aufregt und den Menschen Sand in die Augen streut. Denn was etwa überall geändert worden, ist allein das häßliche Mizwothversteigern, und was allein hinzugekommen, ist die Predigt, und die dennoch nur an sehr wenigen Orten sich den Charakter der Regelmäßigkeit, also der integrirenden Zugehörigkeit erworben hat. In der bei weitem größeren Mehrheit der Gemeinden, und dies sogar in den allergrößten, herrscht auch heute noch dieselbe Unordnung, das wüste Geschrei, das unaufhörliche Herein- und Hinauslaufen, die Anstandslvsigkeit, mit welcher die Individuen Stellungen einnehmen, wie sie sich an keinem andern öffentlichen Platze erlauben. Dagegen werden freilich geschriebene Synagogenordnungen erlassen, aber man vergißt, daß eine policeiliche Ordnung in einer Synagoge nicht am Platze ist; wo der Gottesdienst den Geist nicht anspricht und beschäftigt, wo die meisten Gebete auch von den sich so nennenden Orthodoxen-mit äußerst wenig Gedanken und Gefühlen, mit reißender Schnelligkeit hergesagt, die meisten Ceremonien ohne Würde und Innigkeit vollzogen werden, da helfen Vorschristen und Strafandrohungen nur auf kurze Zeit, bei einemgroßen Zufluß von Menschen gar nicht. An wie wenigen Plätzen ist es gelungen, den liturgischen Theil des Gottesdienstes durch Gesang so einzurichten, daß die Gemeinde wesentlich dabei beiheiligt. iß. Entweder singt der Chor allein und die Gemeinde schweigt, oder jener singt und diese schreit zu gleicher Zeit. Dabei ist es um den Chorgesang eine sehr mißliche Sache, weil er in den bei weitem meisten Gemeinden aus unbezahlten Dilettanten besteht, derer man nur sehr kurzer Zeit sicher ist, weshalb er auch bald wieder verfällt oder gar verstummt. Ueberhaupt, da doch eigentlich der ganze jüdische Gottesdienst musikalisch und an den Stellen, wo er nicht Melodie, doch Recitativ ist, was ist für die musikalische Beschaffenheit unseres Gottesdienstes geschehen? Blutwenig. Alle die mehrfachen und umfangreichen musikalischen Werke sind nur Zustutzung und Auffrischung der alten Melodien, die allerdings in dem Munde eines Sulzer von unermeßlicher Energie sind; was nützt dies aber anderswo? Was sonst an Musik für die Synagoge geschehen, ist äußerst dürftig, ohne Erfindung, ohne dauernden Werth. Es ist daher alles von äußerster Monotonie und derselbe Ton, den wir in der und der Minute am vorigen Sabbath gehört haben, trifft am nächsten und au allen folgenden Sabbathen in derselben Minute unser Ohr. Die jüdischen Cantoren haben, wenn ihnen keine weiteren Functionen übergeben sind, sehr wenig zu thun, aber desto weniger thun sie, in sehr wenigen ist Fortstreben und Thätigkeit und die meisten Gemeinden müssen sogar noch besondere Gesanglehrer halten, darum gewöhnlich christliche, ein Umstand, der eine organische Verbindung des Gesangs und des Vortrags im Gottesdienste sehr behindert. — Daß die Orgel oder sonstige Instrumentalbegleitung, diese allein sichere Führerin des Gemeindegesangs, noch in verhältnißmäßig wenigen Gemeinden ihre Stelle und Verwendung gefunden, daß der dreijährige Cyclus der Thoraverlesung noch immer verhältnißmäßig geringen Raum gewonnen, daß der Kampf um die Piutim noch immer ein hartnäckiger und an sehr vielen Orten noch nicht einmal ein begonnener ist, daß überhaupt die Ausscheidung der nicht zum ursprünglichen Gebetfond der Synagoge gehörenden Gebetstücke kaum hier und da sich realisirt hat und darum der Gottesdienst durch Gesang und Predigt eher länger als kürzer wird, daß das deutsche Element außer der Predigt nur sehr spärlich und an wenigen Orten im Gottesdienst vertreten ist — dies sind allbekannte Thatsachen, die vollständig erweisen, wie die verbessernde Umgestaltung des jüdischen Gottesdienstes in dem halben Jahrhundert, seitdem sie zum Vorschein gekommen, nur äußerst geringe Fortschritte gemacht hat. Wir könnten noch mehr sagen. Seit 17 bis 18 Jahren ist das rege Interesse daran wieder schwächer geworden; es wird öffentlich wenig darüber gesprochen und noch weniger darin gethan. Jede neue Synagoge baut man mit der Absicht, einen dem Geiste, Geschmack und Bedürfniß unserer Zeit gemäßen Gottesdienst darin emzuführen; in der That weiß man

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