Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 33 (9.8.1864)
- Date
- 1864-08-09
- Page
- Seite 508 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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508 Wissenschaft begründet und zugleich feste, dauernde Resultate der Forschung geliefert zu haben, die bleibenden Werth besitzen und nur höchstens im Detail berichtigt und ausgeführt zu werden brauchen. Auf diesem ganzen Gebiete erweist er ebenso sehr eine umfassende Kenntniß und einen außerordentlichen Fleiß wie einen durchdringenden Scharfblick und sichern wissenschaftlichen Tact; mit einer mikrologischen Genauigkeit vereinigt er die Fähigkeit des Ueberblickes und der charakterisirenden Auffassung. Dadurch eben vermochte er nicht blos wissenschaftliche Erfolge zu erzielen, sondern zugleich Lehrer und Vorbild zu werden und die Pfade zu eröffnen, auf welchen die Späteren rüstig fortschreiten konnten. Es versteht sich von selbst, daß ein solcher Mann während eines langen Lebens auch Gelegenheit genug gehabt, auf die Tagesfragen einzugehen und Veranlassung zu nehmen, sich über dieselben auszusprechen, und zwar stets in glänzender und entscheidender Weise. Wir erwähnen hier seiner Schrift gegen Chiarim's Anschuldigungen des Judenthums und des Talmuds, über die Namen der Juden, welche die in Preußen beabsichtigte Einschränkung der Juden auf vermeintliche jüdische Vornamen gründlich beseitigte, sowie der weniger bedeutenden Gutachten über die Beschneidung und den Judeneid. — Neben diesen großen wissenschaftlichen und literarischen Verdiensten, denen noch die Redaction einer Bibelübersetzung, zu der er jedoch nur die Übertragung der Chronik lieferte, hinzugefügt werden muß, steht Zunz durch die Charakterfestigkeit ausgezeichnet da, die er in allen Verhältnissen seines Lebens und nach allen Richtungen hin, auch unter großen persönlichen Opfern, bewährte. Weder in religiöser noch in politischer Beziehung hat Zunz jemals einen Schritt abwärts von seinen Grundsätzen gethan. Wie er einerseits die Zierde jeder Universität gewesen wäre, ihn aber dennoch die Glaubenstreue im Privatleben zurückhielt, so opferte er auch seinen reformatorischen Grundsätzen jede Aussicht aus Amt und Würde willig. In politischer Beziehung hängt Zunz den demokratischen Ansichten an und sprach diese zu aller Zeit offen aus, ohne sich jemals einer revolutionären Bewegung hinzugeben, ohne jemals um die Volksgunst zu buhlen. Dies ist in wenigen Zügen das Bild Zunz', wie es uns erscheint, ohne daß wir ihn persönlich kennen oder ihm nahe getreten sind. Es ist dies genug, um hier weder in hohle, emphatische Phrasen ausbrechen noch, da es ein unparteiisches Urtheil gilt, die Grenzen, innerhalb derer Zunz sich bewegte, unbeachtet lassen zu müssen. Zunz ist zu bedeutend, zu charakteristisch, um der ersteren zu bedürfen und die letzteren von sich zu weisen. Wenn wir oben sagten, daß er die Wissenschaft des Judenthums begründete und mit unermüdlichem Eifer und großem Erfolge anbaute, so that er dies nur nach einer Richtung hin, der literär-historischen. Die eigentliche theologische Seite blieb ihm fern und hat ihm nur mittelbar den Anstoß zu verdanken. Zwar gehört Zunz nicht zu einer gewissen jetzt bestehenden Classe jüdischer Literarhistoriker, denen das jüdische Schriftthum nichts weiter als ein Object ihrer Thatigkeit ist und die daher ebenso gut jeder anderen Religion angehören könnten; dazu fühlte Zunz zu warm für das Judenthum und wurzelte zu sehr mit seinem ganzen Wesen im Judenthume. Aber er blieb doch der ganzen inneren Entwickelung des Judenthums und der Durcharbeitung seines theologischen Inhalts fern und versagte allen praktischen und theoretischen Anstrengungen auf diesem Gebiete seine einflußreiche Beihilfe. Erinnern wir uns z. B. des Versuches zur Gründung einer jüdisch-theologischen Facultat, also eines Interesses, das gerade ihm so nahe lag. An praktischer Wirksamkeit fehlte es ihm ganz und er trat daher ebenso bald vom Predigtamt zurück, wie auch das Seminar zu Berlin unter seiner Leitung nicht zu erblühen vermochte. So steht Zunz nach Vollendung des siebzigsten Lebensjahres ruhmreich, mit allgemeiner Anerkennung und vielfacher Verehrung da und sieht auf ein arbeitsreiches und gesegnetes Leben zurück. Möge ihm ein kräftiges und langes Greisenalter und eine Fülle befriedigender Erlebnisse bewahrt sein! Die Juden und die Gewissensfreiheit. Als am 20. Januar 1856 der Abgeordnete Wagenex bei dem preußischen Hause der Abgeordneten den Antrag gestellt, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden aus der Verfassung zu streichen, die preußischen Gemeinden in 264 Petitionen sich dagegen verwahrten und, nachdem dieser Angriff siegreich zurückgeschlagen worden, der Redacteur d. Bl. die gedachten Petitionen in einer besonder» Schrift herausgab, betitelte er diese: „Der Kampf der preußischen Juden für die Sache der Gewissensfreiheit." In der Einleitung wies er nach, daß der Kampf der Juden um bürgerliche Gleichstellung in seiner wah-