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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-08-02 · Heft 32 (2.8.1864) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 32 (2.8.1864)
Date
1864-08-02
Page
Seite 492 (sequence 2)
Language
German
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492 der Menschheit. Es mögen jene von Zeit zu Zeit immer wieder Lärm schlagen, den Mund voll nehmen und ihre Phrasen und Sophismen ausbreiten; ihre hohle und trostlose Lehre ist nichts als Verneinung, gibt Menschen nichts, woran er sich halten, worauf er bestehen kann; der unermeßliche leere Raum voll todten Stoffes, der sich immerfort selbst gebiert und selbst verzehrt, wo Leben und Tod ihre Grenzlinie verlieren, das Dasein nichts und das Nichts Dasein -ist, gähnt als ein Abgrund, in welchen Sittlichkeit und Recht, Liebe und Pflicht, Erkenntniß und Wahrheit Hinunterstürzen, um niemals wieder heraufzukommen. Nein'! Nur Gott vermag lebendigen Odem in den Staub der Erde zu hauchen; so ihr aber den lebendigen Geist in Staub 4-er Erde verwandelt, zerfällt der Erdenkloß und bleibt Staub für immer! — Aber auch die Fanatiker, welcher Religion sie auch angehören, haben die Zukunft der Menschheit nicht in ihren Händen. Man täusche sich nicht, sie sind noch sehr stark, und wenn sie in einigen Gegenden z. B. in Norddeutschland wie verschwunden scheinen, so haben sie sich in anderen z. B. in Süddeutschland noch große Macht bewahrt. Und nicht etwa blos in den unteren Schichten des Volkes, sondern gar viele aus der sog. gebildeten, ja aus der wissenschaftlichen Clafse beugen sich vor ihnen und geben sich zu ihren Werkzeugen her. Zweifeln wir nicht, daß der Zelotismus sich noch oft regen werde, daß er noch allzu oft Einfluß gewinnen und üben werde, daß wir uns noch allzu oft vor ihm zu schützen und gegen ihn zu kämpfen haben; es ist gefährlich, sich in Sicherheit zu wiegen und einen Feind für überwunden zu hallen, wenn wir seine Waffe nicht gezückt sehen. Aber da seine Stärke nur in der Verdunkelung besteht, da er nur durch die Verneinung der höchsten menschlichen Güter, durch die Unterdrückung aller Entfaltung und Entwickelung existiren kann, so dgß alle natürliche Treibkraft des menschlichen Wesens zu seinem Untergange drängt, so kann seine Herrschaft niemals wieder eine allgemeine werden. Die Menschheit weiß jetzt zu sehr, wer ihr, wer der Religion die tiefsten Wunden geschlagen, wer die Wahrheit am meisten geknechtet, wer dem Rechte und der Liebe die drückendsten Fesseln angelegt, um sich diesem Spiele noch einmal dauernd hinzugeben. Der Fanatismus schwächt sich zu Bigotterie ab und diese ist nur eine Krankheit von Individuen, ohne die Energie einer Epidemie zu besitzen. Die Menschheit weiß jetzt, was.eine falsche Religion ist. Jede Religion, die verdammt und verketzert, ist eine falsche. „Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, glimmenden Docht verlöscht er nicht: mit Wahrheit soll das Recht er bringen." (Jes. 42, 3.) — Jede Religion, welche die Menschheit zu gewaltthätigen Parteien spaltet, zum blutigen Kriege treibt, Kerker und Scheiterhaufen für Andersgläubige rüstet, ist eine falsche: „Und siehe, der Ewige zog vorüber, und ein großer, starker Wind, Berge zerreißend und Felsen zerschmetternd Dyr dem Ewigen; nicht im Winde war der Ewige. Und nach dem Winde ein Erdbeben; nicht im Erdbeben war der Ewige. Und .nach dem Erdbeben Feuer; nicht im Feuer war der Ewige. Und nach dem Feuer ein sanftes säuseln" — und in dem sanften Säuseln war der Ewige. (1 Kön. 19, 11. -12.) — Ewe jede Religion, die ihr Wesen allein in der Uebung äußerer Formen findet, die das Heil und das Jenseits, den Segen und den Frieden von der Uebung äußerer Formen abhängig macht und für diese verheißt, ist eine falsche: „So ihr kommt zu erscheinen vor mir, wer begehrt dies von euch, zu zertreten meine Vorhöfe? Bringet nicht mehr Heuchlerische Speiseopfer; Räucherwerk ist mir ein Gräuel; Neumond und Sabbath, Zusammenberufung, nicht mag ich Frevel und Fest." (Jes. 1, 12. 13.) „Ist nicht das ein Fasten, das ich liebe: offene die Schlingen der Bosheit, löse die Bande des Joches, frei entlasse die Unterdrückten und jegliches Joch zerbrechet!" (Jes. 58, 6.) „Hat dev> Ewige Gefallen an Ganzopser und Schlachtopfern wie an Gehorsam gegen die Stimme des Ewigen? Siehe, Gehorsam ist besser denn Opfer, Aufmerken denn der Widder Fett." (1 Sam. 15, 22.) — Die Menschheit aber verlangt nach der wahren Religion; sie verlangt nicht mehr nach Sturm, Erdbeben und Feuer, sondern nach dem sanften.Friedenssäuseln, in welchem der Ewige ist. Sie verlangt, daß die Religion die Sonne am blauen Himmel sei, welche leuchtet und wärmt, Blüthen schafft und Früchte reift; daß sie der Thau des Himmels sei, der die dürre Erde befeuchtet und in Millionen Tropfen funkelt; daß sie der belebende Luststrom sei, der die faulen Dünste aus der Menschenwelt von dannen führt, aber auch der linde Zephyr, der durch jede Cypresse flüstert und tröstet und erquickt. Ja, alles Belebende und Erfrischende, alles Erhebende und Lauternde, alles Tröstende und Stärkende, alles Belehrende und -Erleuchtende erwartet sie von der wahren Religion, wie sie besteht, gegeben, gelehrt, erwachsen, entfaltet und selbst geläutert, und wie sie ersteht und sich immer wiedergebiert in jedem reinen Geiste.

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