Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 31 (26.7.1864)
- Date
- 1864-07-26
- Page
- Seite 484 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226450--22320-3259585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
484 Der Gerichtshof behielt sich seine Entscheidung vor. In der vorgestrigen Sitzung erllärte der Präsident, daß der Gerichtshof diesen Antrag abgelchnt habe: „weil sich unter den Angeklagten auch einige befänden, welche der jüdischen Religion angehören." — Von einer hier jetzt gastirenden wiener Schauspielerbande wurde auch der Shylok gegeben. Ein gewisser Lewinsky — dem Namen nach zu urtheilen von jüdischer Abkunft — glaubte es sehr gut zu machen, wenn er den Shylok als ein Individuum aus der Judengasse zu Venedig, Prag oder Preßburg vorstclle. Bei den erklärten Judenhassern fand er damit großen Beifall; sie träumten sich einen Augenblick, daß ihnen hier der echte Jude vorgeführt werde, und ein Recensent in der „Vossischen Zeitung" ging so weit, daß ihm der Herr Lewinsky „als der echte Typus des blutdürstigen orientalischen Stammes" erschien. Du lieber Gott! die armen verfolgten Juden des Mittelalters blutdürstig! Am Ende war all das im Mittelalter so unermeßlich vergossene Blut, das der Juden mit eingeschlossen, von Juden vergossen! Daß die kritischen Untersuchungen erwiesen haben, die Geschichte sei gerade eine umgekehrte gewesen und das Verlangen nach dem Pfund Fleisch sei von einem Christen gegen einen Juden aufrecht erhalten worden, kümmert solche Kritikaster nicht! Sie verdoppeln die Sünde des Dichters, indem sie seiner Schilderung die geschichtliche Wahrheit und zwar typisch für alle Juden imputiren. Außer bei diesen Judenhassern hat die Darstellung des Lewinsky nur Tadel und Zurückweisung gefunden, da man das Phantastische, in welchem allein die Figur des Shylok eine psychologische Rechtfertigung finden kann und das von allen großen Darstellern des Shylok von Ludwig Devrient bis Dawison erstrebt wurde, völlig zerstört fand. — Der alte Rabbinatsassessor Rosenstein hier erhielt vor kurzem in einem anonymen Briefe 1600 Thaler zur Vertheilung an Arme zugesandt. Derselbe ersucht jetzt in den Zeitungen den anonymen Einsender um Angabe des Weges, auf welchem er ihm die Quittungen der Unterstützten zukommen lassen könne. — Hechingen, im Juli. (Privatmitth.) Eine eigenthümliche Erscheinung ist es, wenn in einer Zeit, in welcher jeder unwillkürlich auf die Bahn des Fortschritts gedrängt wird, dieser selbst durch den Widerstand von Männern gehemmt wird, die sich über den Grund ihrer Opposition selbst keine genügende Auskunft geben können. Die hiesige Gemeinde besteht größtentheils aus gebildeten Mitgliedern und ist schon mehrfach durch den Rabbiner Herrn vr. Mayer von der Kanzel der Wunsch ausgesprochen worden, dem Gottesdienste durch Herstellung einer Orgel und Errichtung eines Synagogen- Chors eine würdigere und den Anforderungen der gebildeten Besucher des Gotteshauses mehr entsprechende Gestalt zu geben, und bis heute ist dieser von vielen getheilte Wunsch unerfüllt geblieben, und zwar blos wegen Mangels an gutem Willen des Vorstandes, trotzdem derselbe aus Männern besteht, die, weit davon entfernt, orthodox zu sein, in jeder Beziehung liberale Gesinnungen hegen und leider blos aus Abneigung gegen jede Neuerung ihr Ohr jeder, wenn auch noch so triftigen Anregung zum Bessern verschließen. Der Gottesdienst, wie er jetzt gehalten wird, ist weit eher geeignet, zur Mißachtung unserer heiligen Religion zu veranlassen als zur Erbauung der Theilnehmer, da es jedem denkenden Menschen einleuchtet, daß ein so sinnloses, für jeden unverständliches Geplauder und Geschrei unmöglich ein Gebet genannt werden kann. Es wäre ein besserer Gottesdienst hier um so leichter einzuführen, als wir einen sehr begabten, höchst musikalisch gebildeten Cantor in der Person des Hrn. Lichtenstein besitzen. Österreichischer Kaiserstaat. Wien, 12. Juli. lPrivatmitth.) Es hat sich uns schon öfter die Frage aufgedrängt, wo eigentlich der Judenhaß seine festeren Wurzeln besitzt, ob in den unteren Volksschichten oder in den gebildeten und wissenschaftlichen Kreisen. Bei dem Volke hat man es nur mit dem Vorurtheil zu thun und dieses schwindet nach und nach, wenn nicht von seiten der Geistlichen das Feuer geschürt wird. In den gebildeten und wissenschaftlichen Kreisen aber kommen Neid und Mißgunst auf jeden Erfolg, den Juden erringen, hinzu, und bekanntlich sind diese bösen Neigungen hartnäckiger als alle anderen, weil sie durch keine Gründe und Beweise abgeschwächt werden können, sondern in den betreffenden Personen ein unsterbliches Leben führen. Diese Ansicht wurde in uns durch folgende Mittheilung der „Presse" in ihrem gestrigen Abendblatte von neuem gestärkt. „Anläßlich der zu Anfang dieses Monats im Schoße der medicinischen Facultät stattgehabten Wahl eines Gastprüsers zu den Rigorosen veröffentlicht die