Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 31 (26.7.1864)
- Date
- 1864-07-26
- Page
- Seite 480 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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480 1. Band. Buchst, -r» Es wurden schon oft Pläne entworfen und Versuche gemacht, die in den Talmuden zerstreuten Materien zusammenzutragen, alphabetisch aufzupellen und kritisch zu erläutern, die aber alle theils gar nicht theils unvollendet und unvollständig zur Ausführung kamen. Moses Pig und I. di Modena haben in den diesem Zwecke bestimmten Schriften nur das agadische Element berücksichtigt. In dem noch nicht vollständig edirten Pachad Jzchak ist dagegen mit besonderer Vorliebe und Weitschweifigkeit mehr auf die Casuistik Rücksicht genommen. Eine Zusammenstellung aller geographischen Ortsnamen von einem nicht benannten Verfasier besaß Heidenheim handschriftlich. Rappoport hat das Verdienst zuerst, alle historischen, archäologischen und geographischen Materien gesammelt und kritisch erläutert zu haben, aber leider die schon vor 20 Jahren begonnene Veröffentlichung nicht fortgesetzt, ungeachtet das Werk vollendet und druckfertig ist. Nach diesem mustergiltigen Vorbilde hat der Vers, obgenannter Schrift es versucht, einige historische, ethische und geographische Materien — die aber unter verdrehten und curiosen Schlagwörtern aufgebracht sind — zusammen zutragen und kritisch zu erläutern, mit dem ausgesprochenen Zwecke, die traditionelle Lehre zu vergeistigen und zu verherrlichen. Die ungemeine Belesenheit des Vers, in der jüdischen und externen Literatur, sein Scharfsinn und Combinationstalent, die denselben befähigt hätten, Großes und Gutes zu schaffen, wird aber sehr beeinträchtigt durch seinen Ueberfluß an Glauben und Mangel einer classischen Bildung und wissenschaftlichen Kritik. Wer sich in das talmudische Schriftthum so hineiugelesen und hineingelebt hat wie der Vers., der sucht und findet wohl überall Beziehungen zwischen den verschiedensten und weit auseinanderliegenden Culturperiodeu und so manche übereinstimmende Lehre und Wahrheit, die nur in anderen Gehäusen verschlossen sind. Rühmliches leisteten hierin Wiesner in seinen Scholien zum Talmud und der geniale Dukes mit seinen culturhistorischen Parallelen. Man hat sich bei solchen Arbeiten aber wohl zu hüten, daß man den wissenschaftlichen Standpunkt eines Zeitalters nicht verrücke und die spätere Entwickelung und Reife nicht auf eine frühere Periode,*) besonders auch Anschauungen von *) Wiesner hat entschieden Unrecht, wenn er die Antwort von R. Josua an Hadrian (Med. Chasis a. A. Ber. R. 13.), daß das Seewaffer die Eigenschaft habe, alle anderen Gewässer zu verschlingen, durch die Lehre von der einem Volk auf das andere übertrage, dessen Idealität eine ganz entgegengesetzte ist. Der Vers, hat diese Vorsicht ganz außer Acht gelassen; ein Ausdruck, ein Wort genügt ihm, verwandtliche Beziehungen zwischen ganz heterogenen zu finden und der Gleichklang eines Wortes verleitet ihn zu den seltsamsten Etymologien. So werden z. B. (Art. Eben) verschiedene Agadoth so erklärt, als wenn die nun ausgebildete Gravitations- und Rotations- Lehre ebenso dem Alterthume bekannt gewesen wäre. Magneteisensteine heißen „Betheilen" von BetKeL, wo solche gefunden werden. Die Steine, auf denen Jakob sich niederlegte, waren Magnetsleine und die Abstoßung der gleichnamigen Pole nenne die Agada das Zanken derselben, auf welchen Stein er sein Haupt niederlegen sollte. Die mystische Stelle in Chagiga: „Wenn ihr an den Ort des reinen Marmors kommt, so sprechet nicht Wasser Wasser" wird auf zweifache Weise erklärt, mit der griechischen Mythe von Oceanus und Thetis und mit der von Grätz mitgetheilten Erzählung von Jesus aus einem apokryphisch aramäischen Evangelium; das Wort sei die Abkürzung von Saul, Jesus und Simon. Ueberhaupt spielen die Abbreviaturen eine große Rolle in dieser Schrift, so daß kein Unsinn derselben erspart wird. Der Name Abraham sei ----- a (privativ) Lrama, nicht Brama; Sara ----- 8ri, die Gattin der Fruchtbarkeit. Ab an sadeh ----- Pan oder Faunen. Der Name Priapas für Phallusbilder sei zusammengesetzt aus -pst* ns, weil dasselbe die Gestalt einer Bohne hatte. In B. Bathra wird berichtet: Drei Dinge empfahl Achitofel seinen Kindern: Mischt euch in keinen Streit, empört euch nicht gegen das davidische Königshaus und wenn am Wochenfest heiteres Wetter ist, so säet Weizen aus. Diese Stelle ist zu einfach, um nicht ein Meisterstück der Verdrehungskunst daran zeigen zu sollen, dachte der Vers. Achitofel ist nicht der biblische, sagt er daher, sondern Theophil Endosmose plausibel zu machen sucht; denn, wenn auch, wie es die Endosmose lehrt, Flüssigkeiten von verschiedener Dichtigkeit ineinander übergehen, so bleibt aber doch natürlich die Quantität nicht dieselbe wie früher, und Wiesner wird doch nicht wie R. Josua behaupten wollen, daß das Seewaffer alles Gewässer verschlinge, ohne daß die Quantität zunehme, womit doch nur allein Hadriau's Frage beantwortet wäre. Wem aber übrigens wie R. Josua die Verdunstung des Wassers noch unbekannt war, wie es aus der dortigen Controverse über die Entstehung des Regens hervorgeht, der wußte sicher auch nichts von dem Gesetz der Endosmose.