Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 31 (26.7.1864)
- Date
- 1864-07-26
- Page
- Seite 479 (sequence 5)
- Language
- German
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4?» jedes Eintreten neuer Kräfte und Bewerber in früher abgeschlossene Kreise zur Folge hat. Im einzelnen manch Unbehagen und Klagen über Vermehrung der Coneurrenz und Beeinträchtigung im vormaligen Privilegium, im großen und ganzen heilsamen Sporn und gedeihliches Wachsthum. — Der Jsraelite kann von sich mit gerechtem Stolze rühmen, daß er selbst inmitten des vielhunderljährigen Druckes sich mehr Gemeinsinn, Opferfähigkeit und Hingebung an das Vaterland bewahrt hat, als es zu erwarten gewesen und als selbst viele im Rechtsgenusse Geborene je zu ahnen vermögen; der vollständig emancipirte Jsraelite würde natürlich mit verdoppelter Lebendigkeit jene Tugenden in sich entwickeln; aber auf die Gefahr hin, es mit manchem israelitischen Leser zu verderben, müssen wir es aussprechen, daß der Jude sich und der Gesellschaft Unrecht thun würde, wenn er aus übergroßer Emancipationssehnsucht erwarten ließe, es werde, nachdem das große Wort „Emancipation" ausgesprochen, all sein Thun und Lassen purer patriotischer Enthusiasmus, pure Aufopferung, völlige Selbstentsagung sein, oder es werde all jener materielle Landesflor, den die Ungunst der Jahrhunderte oder welche Umstände immer bis nun hintaugehalten, durch sein Hinzutreten mit einem Male herbeigesührt werden. Unter gesunden und normalen Verhältnissen wirkt jeder Einzelne, indem er ehrlich, rüstig und wacker auf dem ihm heimischen Gebiete arbeitet und seinen Vortheil anstrebt, auch unbewußt schon zum Nutzen und Vortheil der staatlichen Gesamwtheit. Mit seinem prosaischen Trachten, einige Ballen Calico mehr zu verkaufen, hat John Bull England zum Riesenstaate gemacht, und mit seinem noch nüchterneren „Jagen nach Mammon", gestern als Pedlar, heute als Farmer und morgen als Großetablissementsinhaber, hat Bruder Jonathan sich die Mittel geschaffen, mit welchen er einen Riesenkampf besteht, worüber das alte, noch tief in mittelalterlichen Borurtheilen über den Werth der Erwerbsarten steckende Europa staunend den Kopf schüttelt. — Wenn der Jude in Ungarn daher auch nie noch die Mühen und Sorgen des Feldbauers gekostet hätte, auch in Zukunft nicht sobald solches erwarten ließe, sondern, weil er dies bisher besser erlernt, nur fortführe, den rastlosen Vermittler zwischen dem heimischen Erzeuger und dem fernen Consumenten zu machen, den Werthen ihren Abfluß zu verschaffen und Aequivalente dafür hereinzubringen — so müßte und dürfte er mit gleichem Grunde seinen Anspruch auf unverklausulirte Gleichstellung aufrecht erhallen. Eitel Firlefanz ist es, von „allmählicher Reife" und von der „verderblichen künstlichen Treibhrushitze" zu reden. Jawohl, die Frucht der Emancipation, das Resultat, der Erfolg derselben kann nur allmählich sich Herausstellen, aber von allmählicher Emancipation selber heute noch zu sprechen, das verräth wahrlich nur eine sehr spärliche Wirkung „der milden Strahlen moderner Gesittung." Zustände und Verhältnisse reifen allmählich, aber die That, die gethan, das Wort, das gesprochen werden soll, lassen kein Zögern zu, wenn gleich sie einem Theile d^r jeweiligen Zeitgenossen immer als ein sprungweises Gefchehniß erscheinen, gleichwie in unserem Falle auch nach einem Jahrhundert noch weise Thebauer das Aussprechen der völligen Emancipation für einen unzeitgemäßen Sprung erklären würden. Wenn die „Ungar. Nachrichten" den Israeliten die Pflichten bezüglich dessen, was sie zur Hebung der Bodencultur thun mögen, ans Herz legen wollten, so mußten sie vor allem die Emancipation, die halbe oder ganze, völlig aus dem Spiele lassen. „Erstürmen" wollen und können sie ja ohnehin die Juden nicht. Mehr noch als irgend eine politische Partei in Ungarn oder als der österreichische Staatsminister haben die Israeliten das Warten gelernt. Das Müssen war ihr großer Lehrmeister darin. So mögen die „Ungar. Nachrichten" denn aller Furcht vor „blindem, tollem Emancipationssturm" sich entäußern, aber das Recht der Israeliten mögen sie lassen stahn! Literarischer Wochenbericht. Bonn, im Juli. Wir erhalten die Nachricht, daß die deutsche Bibel der israelitischen Bibelanstalt in die Kantonsschule (christlich) zu Aarau zum Gebrauche eingeführt worden. Wenn es dem aarauischen Schulrathe zur Ehre gereicht, ohne Voruriheil eine von Juden verfaßte und herausgegebene Bibelübersetzung, weil sie wortgetreu, dem jetzigen Standpunkte der Sprachforschung gemäß und zugleich in correctem Deutsch und schwunghaft gehalten ist, zum Schulgebrauche einzuführen, so ist es von anderer Seite auch eine Ehre für diese Bibelübersetzung, weil sie so auch von nichtjüdischer Seite in diesen ihren Eigenschaften anerkannt worden. Frankfurt a/Main, im Juli. ‘rabnft rrnpa* Kritisch-Lrlmudisches Lexikon von I. E.Löwy.