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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-07-26 · Heft 31 (26.7.1864) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 31 (26.7.1864)
Date
1864-07-26
Page
Seite 476 (sequence 2)
Language
German
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478 Lerne Anschauung und oberflächliches Gefühl. Nur da war man tief und wahr, wo man sich in den Schmerz der Nation versenkte und wo das unerschütterliche Vertrauen auf die Erlöserkraft Gottes ausgesprochen wurde. So der Inhalt, so die Form; und schon daß man das Alphabet und einen monotonen Reimfluß, der durch die Suffixa im Hebräischen so leicht, aber auch so bedeutungslos ist, als die äußeren Formen der Poesie anwandte, ist charakteristisch. Von Grammatik, Correctheit oder gar Classicität der Sprache keine Spur, außer bei den Spaniern. Für manche Stücke ging man noch weiter und wählte die aramäische Sprache, obschon diese längst dem Volke viel fremder geworden als die hebräische; viele erlauben sich ein buntes Gemisch beider Sprachen.*) III. Der Genius der Menschheit steht in seiner Arbeit nie still. Ob er sich auf der Höhe oder in der Niederung befindet, er ist fort und fort thatig im Schaffen und Arbeiten. Er copirt nie, aber er wiederholt seine Processe mit immer neuen Elementen. Ist ihm etwas verloren gegangen, beginnt er seine Arbeit von neuem, aber in anderer Weise. Ist er zurückgeschritten, dringt er wieder vorwärts, aber auf einem neuen Wege. Hat er sich eine Zeit lang der Obherrschast einer Geistesthätigkeit und Geistesrichtung vorwiegend ergeben, so wacht in ihm das Verlangen nach einer andern, nach der, welche er vernachlässigt hat, auf. Nur in kurzen Zeiträumen ersteigt er die Höhe, auf welcher er die harmonische Vereinigung aller Geisteskräfte in classischen Erzeugnissen zu Stande bringt. Bald darauf wird' eine derselben wieder vorwiegend werden und die Zeit der Epigonen beginnt. Jede Erscheinung in der Menschenwelt, die eine lange *) Wenn man in neuerer Zeit versucht hat, das Urtheil über die Piutim, die sowohl von religiöser und cultueller als von ästhetischer und linguistischer Seite zu verdammen sind, irre zu leiten und einige — nicht Orthodoxe— für sie schwärmten — darunter Männer, die seit 30 Jahren sie nicht beten: so berufen wir uns auf die Aussprüche der frömmsten Gelehrten, z. B. des eifernden Jakob Emden (Jabez, 1750). Wir empfehlen auch hier das Schriftchen des Dr. A. A. Wolfs „über die Piutim", das vor einigen Jahren das Institut z. Förd. d. israel. Lit. herausgab und welches eine (noch sehr zu vermehrende) Zusammenstellung der Uriheile der bedeutendsten älteren jüdischen Autoritäten gegen die Piutim enthält. Vergangenheit hinter sich hat, gibt uns für diesen Entwickelungsgang die vielfachsten Beweise. Eine solche Erscheinung hat aus all den Zeiträumen, die sie durchschritten, etwas mit sich genommen. Auf dem religiösen Gebiete kommt aber noch hinzu, daß die Ueberlieferungen der Vergangenheit den Charakter der Heiligkeit besitzen, daß die Kritik fern gehalten und das Verlangen gestellt wird, alle Arbeiten der früheren Zeiten für unveränderlich, unantastbar, von unbegrenzter Autorität zu halten. Und dennoch geschieht es auch hier, daß dem Geiste und Bedürsniß jederzeit Rechnung getragen wird, daß bewußt und unbewußt die veränderten Zustände, Verhältnisse und Geistesthätigkeiten ihren Einfluß üben und innerlich und äußerlich der Religion eine veränderte Gestalt verleihen. Aber gerade auf diesem Gebiete treibt die Richtung des Geisteslebens unwiderstehlich an, und so treffen sich hier Widerstand und Treibkraft mit außerordentlicher Gewalt. Der Trieb des Erhaltens und der Trieb neuen Schaffens nach neuem Bedürfen begegnen sich zu hartem Kampf. Wer mitten in diesem sich befindet, dem verwirrt sich leicht Einsicht und Aussicht, und nur erst dann ist eine richtige Umschau möglich, wenn sich der Charakter der Zeit ausgebildet und entschieden hat. Hierzu beizutragen ist eine schwere, eine unermüdliche Ausdauer erfordernde Arbeit. Eine jede bedeutende Zeit hat also auch auf dem religiösen Gebiete eine bestimmte Tendenz, einen bestimmten Charakter, denen sich niemand entziehen kann, die auch auf den Widerstrebendsten ihren Einfluß üben. Dieser Charakter und diese Tendenz, kein Einzelner hat sie gemacht, kein Einzelner hervorgerufen, kein Einzelner kann sie verhindern und abschneiden. Sie sprechen sich zwar zuerst durch Einzelne aus, an die sich fortan die Geschichte der neuen Richtung anlehnt, die aber durchaus nicht als die Schöpfer dieser neuen Richtung, sondern als deren erste Kinder und Träger anzusehen sind. Kann jemand glauben, daß ohne Mendelssohn Juden und Judenlhum noch heute in den Ghettis stäken? daß ohne Voltaire und Rousseau die Franzosen noch heute unter dem Scepter der Bourbonen ständen? daß ohne Luther niemals eine Reformation gekommen? daß ohne Cäsar die römische Republik niemals gefallen wäre? Und wie viele Beispiele derart könnten wir noch anführen. Wir deuten hierauf hin, nicht um aufzufordern, daß die Gegner endlich einmal aufhören mögen, die einzelnen Männer für die neuen Erscheinungen und Richtungen, die sie für verderblich halten, verantwortlich zu machen — das wird niemals

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