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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-07-19 · Heft 30 (19.7.1864) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 30 (19.7.1864)
Date
1864-07-19
Page
Seite 462 (sequence 4)
Language
German
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462 letzt fühlen sollten, so Ware uns dies sehr angenehm, denn es bewiese, daß das Judenthum in ihnen noch nicht ganz erloschen ist. Würden sie unsere Absicht als falsch widerlegen, so wäre uns dies noch angenehmer und wir würden mit Freuden den Jrrthum bekennen. Gegen das, was wir Meyerbeer vorgeworfen und zwar schon vor Jahren, spricht sich in einem ausführlichen Artikel Herr Alexander Weill in No. 13 der Archives israclites aus, und wir halten eine Erwiderung darum für recht, weil Herr Weill in einer civilen Weise gegen uns verfährt und sich eines Tones bedient, wie wir ihn in allen Discussionen gewahrt wünschten, demungeachtet einiges aussagt, was wir nicht ganz billigen können. Im Grunde aber haben wir Unrecht, wenn wir sagen „gegen", vielmehr müßten wir sagen „über" das, was wir dem großen Componisten vorgeworfen, denn Herr Weill bestätigt es dennoch als gerechtfertigt. Er will wohl den Meister nur entschuldigen. Er stellt dies so dar, daß er im vorigen Jahre auf einem Spaziergange in Baden Meyerbeer mit unseren beiden Vorwürfen, nämlich daß er niemals etwas für den jüdischen Cultus gethan, sogar zweien großen Gemeinden, die sich an ihn betreffs eines Musikstückes zur Einweihung ihrer Synagogen gewandt hatten, abschlägig geantwortet und daß er seine Kinder vom Judenthume habe abfallen lassen, bekannt gemacht. Er läßt Meyerbeer antworten, daß eine solche Forderung ihn in Verlegenheit gesetzt haben wurde, weil er kein Hebräisch verstanden und weil er das Judenthum in mehrfachen Gestalten als „alte Schule" und als neuen Tempel und umgestaltete Synagoge gesehen habe. Sollte der Vordersatz bedeuten, daß Meyerbeer das Factum habe in Zweifel stellen wollen, so müssen wir dagegen protestiren; denn wir könnten die beiden Gemeinden nahmhaft machen. Dagegen haben wir keinen Beweis für das, was damals in den öffentlichen Blättern mitgetheilt wurde, Meyerbeer habe zu derselben Zeit eine Pie^e für ein katholisches Kloster componirt. Allein unwahrscheinlich ist es doch nicht, da nach den öffentlichen Blättern unter den hinterlaffenen Werken des Meisters sich ein 8labat mater und eine vollständige Reihe von Marienliedern befinden. Wie? hat Meyerbeer nicht in seinen „Hugenotten" und in seinem „Propheten" religiöse Gegenstände genug mit der höchsten Begeisterung seiner Kunst behandelt? Wenn er Jude war, warum mußten ihn nur die Kämpfe der Protestanten und die falsche Prophetie der Wiedertäufer begeistern? Mußte er es Rossini überlassen, Joseph und Moses feine Kunst zu widmen? Wir wollen dem Meister seine Freiheit nicht beschränken — aber wir können ihm dann ein Lob nicht zuertheilen, das er nicht im geringsten verdient; wir können ihn nicht als den Unserigen betrachten, wenn er sich überall als ein uns Fremder gerirte; wir können ihm nicht Kränze flechten, die er absichtlich von sich gewiesen. Die Entschuldigung, daß er kein Hebräisch verstanden, um einen Synagogalgesang zu componiren, wird niemand für stichhaltig ansehen. Denn mit Recht erwidert ihm Hr. Weill selbst, Meyerbeer habe ja in seinem fünfzigsten Jahre Englisch gelernt, und Herr W. hätte ihm sicherlich den Sinn eines hebräischen Psalms beizubringen verstanden, um ihn componiren zu können. Aber es lebte in Meyerbeer kein Nerv hierfür und das gestehe man einfach zu. Was endlich den zweiten Gegenstand betrifft, so läßt Hr. W. Meyerbeer sagen, daß er seine Kinder in keiner Religion habe unterrichten lassen, damit sie ihre Religion frei wählen könnten, und laßt ihn auch hinzufügen, daß er jetzt glaube, er habe Unrecht gethan. Mit diesem Geständniß wäre die Sache abgethan. Denn allerdings wäre-es eine sonderbare Art, sein Kind frei wählen zu lassen, indem man es in völliger Unwissenheit erhält. Wirklich frei wählen kann man nur unter Dingen, die man kennt. Sonst ist es reiner Zufall oder ein materieller Vortheil, der zur Wahl bestimmt. Und ob ein gewissenhafter Vater seinem Kinde die Wahl aus solchen Momenten, namentlich in Dingen, die das ganze Seelenheil seines Kindes betreffen, dessen ganzen Lebensgang bestimmen, freistellen werde, kann wohl kaum eine Frage sein. Wir erachten dies nun für abgemacht. Herr Weill knüpft hieran eine lange Auseinandersetzung, daß die Kenntniß des Hebräischen mit dem Judenthume wie identisch sei, daß das Hebräische allein den Juden in seiner Religion treu erhalten werde und daß die traurigen Erscheinungen des Jndifferentismus auf dem jüdischen Gebiete nur die Folge davon seien, daß die Ellern ihre Kinder — Hr. W. meint Mädchen ebenso gut wie Knaben — nicht mehr hebräisch unterrichten laffen. Hr. W. spricht hier viel Wahres aus, dem wir vollkommen beipflichten und das wir zu aller Zeit anerkannten und bethätigten. Aber er übertreibt es auch. Werfen wir einen Blick auf die meisten Missionäre und Judenbekehrer, so sind es Juden aus Polen, welche in ihrer Jugend nichts als Hebräisch gelernt, und viele unter ihnen sind sehr feine Hebräer. Wir wissen auch, daß derselbe Schriftsteller noch vor kurzem in einer geistreich abgefaßten

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