Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 30 (19.7.1864)
- Date
- 1864-07-19
- Page
- Seite 461 (sequence 3)
- Language
- German
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461 ler, Personen, welche auS Amerika und England zurückkehren, Männer und Frauen, die auf der Eisenbahn oder dem Dampfschiff ihr Geld verloren Haben, fallirte Kaufleute halten neben den alten Zweigen der Kranken, Gelehrten, Herausgebern hebräischer Schriften, Abgebrannten, Vätern, die für ihre Töchter Mitgift sammeln u. s. w. ihre Um- und Durchzüge. Man gehl eben nicht mehr, man fährt betteln und die Reiseroute, welche von einem Orte zu einem nicht fernliegenden anderen geht, geht oft über halb Europa. Abgesehen nun, daß diese anständigen Bettler das Ansprechen der einzelnen, wenn auch nur der bemittelten Mitglieder nicht unterlassen, gibt schon die von jenen Fremdenkaffen verbrauchte jährliche Summe eine ganz erstaunliche Absorption gesunder Kräfte für meist zwecklose Dinge. Wir wissen, daß schon in mittleren Gemeinden jährlich 500— 1000 Thaler von der Fremdenkasse verbraucht werden. Man denke sich, wieviel davon für die einheimischen Armen und für anderweitige Gemeindezwecke gethan werden könnte. Man ist genöthigt, die Gehälter der Cultusbeamten und Lehrer äußerst knapp zu stellen und findet es unmöglich, sie aufzubessern, während für die Fremdenunterstützung große Summen verbraucht werden, ohne daß den Durchreisenden in den meisten Fällen damit wesentlich genützt wird. Wir sind nun die letzten, welche das Verschwinden und Aufgeben eines Wohlthätigkeitszweiges befürworten möchten, der trotz alledem zahllosen Unglücklichen zur Hilfe gereichte und die brüderliche Gesinnung und das brüderliche Band unter den -so weit zerstreuten Glaubensgenossen vielfach aufrecht erhalten hat. Aber es ist einsichtlich, daß dieser Gegenstand durchgearbeitet und zu klarem Bewußtsein gebracht, auf die wirklich dringlichen Fälle beschränkt und für diese wirksamer gemacht, sonst aber dem leichtsinnigen, oft sogar betrügerischen Wesen der Vorschub verringert werden muß, damit die dadurch erreichten Ersparnisse für wesentliche Bedürfnisse der Gemeinde und für höhere Zwecke des Äudenthums verwendet werden können. Wir haben dies hier erwähnt, um zu zeigen, daß noch manche Reorganisation in unseren Angelegenheiten vorgenommen werden müsse, welche dann der Befriedigung von Bedürfnissen, wie unsere Zeit sie mit sich bringt, die Mittel verschaffen wird/ ohne die Anforderungen an die Gemeindemitglieder zu erhöhen. Im übrigen sehe man erhöhte Anforderungen als Zeichen eines erhöhten Lebens an. Stillstand und Leblosigkeit stellen keine Forderungen. Diese lange Einleitung soll nur eine kurze Bemerkung über ein anderweitiges Bedürfniß, das wir den Gemeinden zuschreiben möchten, zur Folge haben. Wir meinen nämlich, daß es sehr wünschenswerth sei, daß eine jede Gemeinde eine Bibliothek jüdischer Schriften erwerbe und ihren Gemeindemitgliedern zur Benutzung stelle. In früheren Zeilen besaß fast jede Gemeinde eine Sammlung von und bedauerlich genug ging durch Sorglosigkeit, Mißachtung und Mangel an Controle dieselbe an den meisten Orten verloren. Unsere Zeit, die aus der geistigen Bedürfnißlosigkeit wieder erwacht ist, bedarf der geistigen Nahrung. Wo das Bedürfniß vorhanden, muß es genährt, wo es noch nicht existirt, geweckt werden. Viele haben die Mittel nicht, sich die Werke der jüdischen Literatur in hebräischer und den neueren Sprachen anzuschaffen; vielen entgeht jede Kenntniß derselben und darum auch die Lust, sie zu erwerben. Die Gemeinde, die ihr Dasein nicht nach der bloßen Aufgabe bemißt, die unentbehrlichen Institute der Gemeinde zu erhalten und die dazu benöthigten Finanzen zu administriren, sondern sich ihrer Mission bewußt ist, der Religion nach allen Richtungen hin Bestand, Leben und Wirksamkeit nach innen und außen zu sichern und zu verschaffen, wird die Einrichtung und beständige Vergrößerung einer Gemeindebibliothek, zu welcher sie den Gemeindemitgliedern den Zugang und die Benutzung gewährt, als ein sehr nützliches, zweckgemäßes Mittel zur Hebung des religiösen Lebens erkennen und daher als ihre Pflicht ansehen. Noch einmal Megerbeer. Unsere Leser mögen freundlichst Nachsehen, wenn wir noch einmal auf diesen auch uns peinlichen Gegenstand zurückkommen. Es ist dies nicht unsere Schuld. Auch wir verehren den Dahingeschiedenen als einen bedeutenden Genius. Wir haben niemals gegen Meyerbeer als Componisten, niemals gegen Meyerbeer als Menschen ein Wort des Angriffes oder nur der Beurtheilung geschrieben, weil dieses gar nicht unsere Sache ist. Aber wir haben die Stellung, welche Meyerbeer und mit ihm leider so viele Künstler jüdischer Abkunft dem Judenthume gegenüber einnehmen, in offentnüthiger Weise besprochen, und dies war allerdings unsere Sache, unsere Pflicht und unser Recht. Wenn die Künstler sich darüber ver- 3V*