Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 29 (12.7.1864)
- Date
- 1864-07-12
- Page
- Seite 445 (sequence 3)
- Language
- German
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445 Aus der Fi r ko Witz'scheu Sammlung in Petersburg. Bon Ad. Neubauer. Die jüdischen Grabsteine in der Krim.*) In der bedeutenden, für die kaiserliche öffentliche Bibliothek in St.-Petersburg erworbenen Firkowitz'schen Sammlung findet man als älteste Documente Abdrücke von alten hebräischen Grabinschriften in der Krim. Die älteste datirt, nach Berechnung des Herrn Firkowitz, aus dem Jahre 6 n. Ch. und lautet im Originale folgendermaßen : bansr ruitir r\$ jh istd prüf' p itä dnt nrmbab rrsia afton naiö „Dies ist der Grabstein des Buki, Sohn Jsaks Kohen, dessen Seele bis zur Befreiung Israels im Paradies verweilen möge (?), vom Jahre 702 unseres Exils" (von Samaria). Schon vor 20 Jahren erschien ein höchst interessanter Aufsatz (Kerem Chemed B. V, S. 197 et pas8.), welcher die Echtheit dieser in der Krim aufgefundenen Epitaphe bezweifelt; wir haben es auch nicht anders thun können, so lange nur die Abdrücke uns als Quelle dienten. Jetzt aber befinden sich neun dieser Steine hier in St. Petersburg in dem asiatischen Museum der Akademie der Wissenschaften,**) und es wäre sehr gewagt, deren Inhalt als bloßes Machwerk und mögliche Verfälschung zu bezeichnen. Bevor wir den Inhalt dieser Documentemittheilen, finden wir es nothwendig, einige in genanntem Aufsatze gerügte Zweifel zu widerlegen. Die Juden, meint der gelehrte Verfasser des Aufsatzes, haben zu jener Zeit (767 n. CH.)***) die Aera der Schöpfung noch nicht gekannt, da diese zum ersten Male in dem Aecirah-Commentar des Sabtai Donolo (950) gefunden wird. Seitdem wurde der astronomische Tractat von Samuel hakaton veröffentlicht, ein Werk, welches, wenn sehr spät, im IX. Jahrhundert verfaßt war, und die Aera der Schöpfung ist da in An- *) Dieser Aufsatz stand zunächst im Bulletin der Petersburger Akademie T. V., und wir sind dem Herrn Verfasser für dessen Miltheilung an uns zu Dank verpflichtet. Die Redaction. **) Vergl. Bull. T. VII, S. 171 (Seance du 15 (27) janvier 1864. ***) In jenem Aufsatze wird nur der Grabschrift Sangari's Erwähnung gethan. Wendung gebracht.*) Wenn in den talmudischen Büchern keine Spur von dieser Aera vorhanden ist, so ist dies noch immer kein Beweis, daß sie noch nicht gekannt war, und wenn der Talmud debattirt, ob die Welt im Tischri oder im Nissan**) erschaffen wurde, so ist es auch höchst wahrscheinlich, daß auch über die Anzahl der Jahre seit der Schöpfung gestritten wurde. Es wird wohl der Zweifel noch stärker bei dem Verfasser angeregt werden, wenn er weiter sieht, daß 89 n. CH. schon die Aera der Schöpfung angewendet wird. Was in dem genannten Aufsatze über die Unwahrscheinlichkeit, daß Jizhak Sangari, der die Chasaren zum Judenthume bekehrt haben und soweit von der Chasaren-Hauptstadt begraben sein soll, gesagt wird, wollen wir für den Augenblick dahin gestellt sein lassen, da wir erstens den Stein selbst nicht einsehen können und es hier mit älteren, als dieser ist, zu thun haben. Der Vorwurf daselbst, daß die Karaiten die Data ihrer Entstehung weit vorrücken, hat hier gar keine Anwendung, denn wenn wir von Steinen von 6—300 n. CH. sprechen, so wird es wahrlich niemand einfallen zu behaupten, daß man es mit Karaiten, die noch nicht vorhanden waren, zu thun hätte. Etwas fabelhaft in der Thal erscheint die Llera des samaritanischen Exils. Was ist aber dagegen einzuwenden, wenn die Juden im Kaukasus und in Persien sich noch heute Abkömmlinge der 10 Stämme nennen? Wir wollen durchaus nicht behaupten, daß ihre Tradition, von den zehn Stämmen abzustammen, richtig sei, aber unmöglich ist es wohl nicht, wenn man in Betracht zieht, daß die Juden im Kaukasus weder rabbanitische noch karäifche Satzungen haben. Es ist wohl gar nicht lange her, als man behauptete, daß das jüdische Chasarenreich eine Fabel sei und die Briefe von und an Chasdar eine bloße Erdichtung wären! Scheint es denn wirklich so unmöglich, daß die Juden aus Hamadan und Nehavend***) in den Kaukasus durch irgend welche Ursachen in Massen ausgewandert wären? Um auch nur im allgemeinen über den Werth dieser Grabinschriften ein Wort zu verlieren, müssen wir vor allem darauf aufmerksam *) Cf. pprt baiBttH Solonich 1861 p. 14. **) Cf. ßabvl. Talmud Trac. Rösch, haschana p. 10 und 11. ***) So erklärt der Babyl. Talmud (Tract. Kiduschin 72r) das Wort °>"M (II Jfön. XVII, 6), wohin die zehn Stämme von den Assyrern versetzt wurden, durch pnn Hamadan, und andere geben es für nrin:, Nehavend und Umgegend. 29*