Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 29 (12.7.1864)
- Date
- 1864-07-12
- Page
- Seite 444 (sequence 2)
- Language
- German
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444 gedeutet, aber erst bei den Späteren wird sie zu einem bunten Phantasiegemälde von Paradies und Hölle, von Freuden und Qualen, die mehr oder weniger nach Sinnlichkeit schmecken. Nicht minder sind selbst die Bilder, welche uns die Schrift aus der Geschichte vorführt, nur einfacher Natur, welche der Phantasie blos eine mäßige und gesunde Nahrung bieten und viel mehr auf das Herz als auf die Phantasie zu wirken geeignet sind. — Wer die Schöpfungslehre der Inder und Griechen mit der Schöpfungsgeschichte der Schrift vergleicht, muß die einfache Erhabenheit der letzteren, gegenüber den wirren Phantasmagorien der anderen, bewundern. Die Vorgeschichte des jüdischen Volkes führt uns die einfachen Lebensbilder der Patriarchen vor und hat keine Aehnlichkeit mit den Götter- und Heldengeschichten der alten Völker. So großartig auch die Gemälde der Vorgänge am rothen Meere, des Volkes, das durch die einsame Wüste zieht, des rauchenden Sinai, von dem die Worte des Gesetzes verkündet werden, sind, so bieten sie doch der Phantasie kein Gebiet weiterer Verarbeitung dar, wie denn jede Dichtung, die diese Scenen frei zu bearbeiten versucht hat, bis jetzt immer mißglückt ist und an die einfache Erhabenheit der Schrift nicht reichte. Aber auch die spätere Geschichte des israelitischen Volkes, wenn sie auch Kampf, Untergang und Wiedererstehen mit einzelnen großen Gestalten genug enthält, beschränkt sich doch immer auf kleinen Raum und kleine Verhältnisse und greift, wir möchten sagen absichtlich, nirgends in die großen Weltereignisse hinein. Höchstens bietet die Richterzeit der Phantasie Spielraum und Werkzeuge dar. So ist es überall der Phantasie nur gegeben, sich an die wirklichen Erscheinungen zu halten und diese innerlich und äußerlich zu beleben, nicht aber in freiem Schwünge ihrer Flügel in ihr eigenes Reich zu flüchten und dieses mit ihren eigenen Geschöpfen zu bevölkern. Hier aber müssen wir die Bemerkung machen, daß die Phantasie nach zwei Seiten hin geschäftig sein kann. Entweder sie führt frei ihren Herrscher- und Zauberstab und ruft damit ihre Schöpfungen hervor, oder sie versenkt sich in ein Gegebenes, das sie im Detail ausführt und bei dem sie ihre Befriedigung durch die Häufung und Vermannigfaltigung des Details sucht. In dem weitern Entwickelungsgang unserer Religion gewahren wir denn auch das Obwalten der Phantasie in letzterer Richtung, nachdem ihr die Wirksamkeit in der eigentlichen Religionslehre abgeschnitten war. In der Thora war das einzige Feld, auf welchem die Phantasie zur nothwendigen Befriedigung und Geltung kommen könnte, der Opferdienst, der Cultus überhaupt. Lehre und Gesetz hielten sich überall an die vernunftgemäße Realität, der Opferdienst aber ist symbolischer Natur und jedes Symbol die Andeutung eines Gedankens durch ein Zeichen, das durch die Phantasie gewählt ist. Wenn nun auch der zum Grunde liegende Gedanke in dem ganzen Gewebe des symbolischen Cultus immer wieder zur Ausprägung kommt, so hat doch die Phantasie diese eigenthümliche Operation zu vollbringen. Mag dabei die Schilderung durch das Wort so einförmig und durch die Aufzählung aller Einzelnheiten noch so trocken sein, in der Herstellung des ganzen Cultusgebäudes mußte die Phantasie aufs lebhafteste betheiligt sein und bis in Zahl, Farbe, Stoff, Form u. s. w. sich geschäftig erweisen.— Bei den Propheten und den Sängern finden wir nun, der Natur der Sache gemäß, die Phantasie in ihrer höheren Bethätigung. Die begeisterte Rede, der Psalm, das Gleichniß bedingen einen dichterischen Schwung, der sich wieder ohne plastische Ausmalung der Ideen in mannigfaltigen Bildern nicht denken läßt. Sobald aber dieser Schwung wieder abnimmt, greift man abermals zu symbolischen Darstellungen und zur Durcharbeitung des Details, wie dies z. B. bei Ezechiel der. Fall ist. — Än der ganzen talmudischen Literatur ist es auffällig, wie sehr jeder höhere Aufschwung, jeder erhabene Ausdruck, jeder Glanz der Sprache fehlen. Aber es wäre ein Jrrthum, die Talmudisten darum des Mangels an Phantasie zu zeihen. Die außerordentliche Verarbeitung des Details, die immer neuen Combinationen der Casuistik, die immer weiter ausgedehnte Verästelung nach Regeln, die, so eng und abgrenzend sie scheinen, doch einen großen Spielraum zu freien Anknüpfungen und Folgerungen bieten, erfordert eine mächtige Arbeit der Phantasie. Der Beweis hierfür läßt denn auch nicht auf sich warten; denn wenn schon in manchen Partien der talmudischen Satzungen das Obwalten der Phantasie nicht zu verkennen ist und sich Producte finden, welche den anderen Kräften des Geistes nicht entsprechen, so brauchen wir nur daran zu erinnern, wie oft wir im Talmud Dämonen, Geistern, Mirakeln und Wunderlichkeiten in Ursache und Wirkung, in Sünde und Strafe, in Krankheit und Heilmittel begegnen, um zu erkennen, daß hier dem phantastischen Raum genug gewährt worden sei. — (Fortsetzung folgt.)