Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 28 (5.7.1864)
- Date
- 1864-07-05
- Page
- Seite 432 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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432 # principiellen Lehrsätzen und dem naiven erzählenden Ausdruck in der Schrift unterscheiden muß. Der letztere läßt sich in anthropomorphistischen Redeweisen, wie sie einem Volke jener Zeit verständlich waren, gehen, während der principielle Lehrsatz nach bestimmter abstracter Sprachform strebt, soweit diese überhaupt möglich ist. Denn selbst wir können heute noch nicht der anthropomorphistischen Ausdrücke gänzlich entbehren. Immerhin mag man bei principiellen Sätzen den getreuen Wortsinn festhallen; aber bei der erzählenden Weise muß man davon absehen und den eigentlichen Gedanken davon aufsuchen. An allen den Stellen, wo in der Schrift es heißt: Gott gereute das Böse und er that es nicht, ist wahrlich nicht ein sonst doch so offenbarer Widerspruch mit allen in der Schrift gegebenen Begriffen von Gott, und besonders 4 Mos. 23, 19.: „Nicht Mensch ist Gott, daß er lüge, nicht Erdensohn, daß es ihn reue", beabsichtigt. Man müßte doch sonst wirklich fragen, wo diejenigen, welche den Pentateuch iuterpolirt haben, ihre Augen gehabt. Sondern an jenen Stellen sollte bei Vorgängen, welche einen ganz andern Ausgang nehmen zu sollen geschienen hätten, angedeutet werden, daß ein höherer Plan Gottes darin liege. Das israelitische Volk, um eine jener Stellen anzuführen, hätte durch seine Empörungen und Widersetzlichkeiten verdient unlerzugehen. Aber Gott erhielt es um des höheren Zweckes willen, den diesem Volke die Vorsehung in der Geschichte der Menschheit bestimmt und gesetzt hatte. Der Abfall und Ungehorsam sollten in ihrer vollen Strafwürdigkeit charakterisirt werden und die Erklärung, warum die verdiente Strafe dennoch nicht eingetreten, wird durch den Ausdruck „gereuen" (2M) in einfach kindlicher Weise angedeutet. Wir können dies hier nicht weiter ausführen, deuten vielmehr das richtige Verstandniß nur an, um Hrn. W. zu zeigen, daß, wer die Schrift nicht oberflächlich liest, doch noch zu anderen nicht „unvernünftigen" Auslegungen kommen kann. Daß wir an den betreffenden Stellen weitere Erweise herangebracht, überlassen wir ihm aufzusuchen. — Aber kommen wir auf einen anderen, noch wichtigeren Gegenstand, an welchem sich so recht zeigt, wie gefährlich und unzuverlässig die kritische Ansicht des Hrn. W. ist, wie da alles von willkürlichen Voraussetzungen abhängt. Für Hrn. W. sind Gerechtigkeit und Vergebung unvereinbare Gegensätze. Entweder man ist gerecht und bestraft das Böse, oder verzeiht und bestraft es nicht. Da nun Gott der Ewige, Unveränderliche ist, demnach nur das Gesetz wollen könne, so ist die Vergebung der Sünde völlig ungöttlich, sondern an die That muß sich stets unwiderruflich die Folge, also Lohn oder Strase, knüpfen. Alle Stellen daher, wo in der Schrift von der Vergebung der Sünden die Rede ist, sind für Hrn. W, von den Priestern des Josia's, „die der Vergebung sehr bedürftig waren", oder von Esra oder von den Pharisäern eingeschoben, z. B. 2 Mos. 34, 6. 7. die vier Worte „vergebend Sünde, Misseihat und Schuld." Freilich sind dann' die Worte „barmherzig und gnädig, langmüthig und voller Huld" in demselben Widerspruche mit „läßt aber nichts ungeahndet", freilich müßte Herr W. dann das ganze und das vorhergehende Capitel streichen, und woher käme dann der ganze Ausspruch 6 und 7? Freilich gibt er selbst zu, daß dann sehr zahlreiche Stellen gestrichen werden müßten — aber dies und vieles andere genirt diesen scharfsichtigen Kritiker durchaus wenig. Aber wie? wenn wir meinen, daß Hrn. W. jede Einsicht in das Wesen der Sünde abgeht? daß ihm jede psychologische Erfahrung auf diesem Gebiete mangelt? Weiß er nicht, daß bei jeder Sünde außer der Wirkung auf unsere Mitmenschen und Mitwesen auch die tiefe Verletzung des eigenen Jchs und ein Bruch in dem Berhältniffe des Menschen zu Gott stattfindet? Beide letzteren aber können durch das Erleiden irgend welcher schweren und bitteren Folgen nicht gehoben werden. Sie bilden die Schuldhaftigkeit der Seele. Ein Kind, das seine Eltern schwer gekränkt hat, fühlt wohl, daß selbst die erlittene Strafe das frühere Verhältniß noch nicht hergestellt, daß es von seinen Eltern durch seinen Fehl noch immer geschieden sei, daß es ihre Liebe, ihre Befriedigung, ihr Wohlgefallen noch immer nicht wieder habe. Erst durch aufrichtige Reue, durch ungeheucheltes Bekenntniß und Gelöbniß der Befferung kann und wird es die Vergebung der Eltern erlangen. So auch zwischen dem Menschen und Gott. Die erlittene Folge der That ist nur das äußerliche Moment und enthält weder die Heilung des sündigen Jchs noch die Wiederherstellung seines Verhältnisses zu Gott. Mit der erlittenen Folge ist die Schuldhaftigkeit der Seele noch durchaus nicht gelöscht, es muß erst der Proceß der Läuterung, der Reue und damit die Vergebung der Sünde eintreten. Dies ist es, was die Schrift uns lehrt. Gott läßt nichts ungeahndet. Nach der Natur der Dinge und durch die göttliche Fügung treten die Folgen unserer Thaten ein. Aber da hiermit noch wenig für die Beschaffenheit und den Zustand unserer Seele geschehen, so ist Gott barmherzig, vergibt dem reuigen Sünder seine Schuld, läßt die Seele sich läutern