Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 28 (5.7.1864)
- Date
- 1864-07-05
- Page
- Seite 430 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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430 die Dinge anders an als im Herzen Europas selbst. Mag die welthistorische Aufgabe des Judenthums dort in mehr theoretischer Weise sich hinstellen, hier erkennt man sie als ganz factisch und real, sieht aber zugleich, wieweit es noch von diesem Wege entfernt ist. In der Türkei, in Südrußland, in Persien und allen dem arabischen Stamme unterworfenen Ländern sind es die Juden, welche die eigentlichen Träger der Civilisation sein könnten und durch ihre Religion, ihren Charakter, ihre an den bestehenden Institutionen nicht betheiligte Stellung und ihre Verbreitung hierzu befähigt wären. Aber diese Juden müssen zuvor selbst erst civilisirt und aus ihrer tiefen Versunkenheit und Unwissenheit erhoben werden. Hierzu sind wieder ganz besonders die österreichischen Juden berufen, und die Million Juden, die im Kaiserstaate leben, besäßen wohl die Mittel und die Kräfte hierzu, wenn sie die Einsicht und den Willen hätten. Allerdings ist es nicht der Beruf der Juden, Missionäre zur Bekehrung der Völker auszusenden — mit welchem Erfolge dies überhaupt geschieht, weiß jeder, der ein nichteuropäisches Land bewohnt. Wohl aber kann und soll der Jude der Träger, das Werkzeug der religiösen, sittlichen und in- * dustriellen Cultur sein und iss es überall, wo er sich selbst dazu geschickt macht, wo er selbst diese Cultur in sich ausgenommen und entwickelt hat. Aber, gestehen wir es offen, für die Civilisation und Cultivirung unserer eigenen Glaubens- und Stammesgenossen ist noch wenig geschehen und der Sinn für diese innere Mission noch gar nicht erschlossen. Man heftet seine Blicke immer nur auf die Trümmer Jerusalems, die doch nach der Lehre unserer Religion, nach den Verkündigungen unserer Propheten, nicht durch Menschenhände, ihre Einfälle und Opfer, sondern nur, wenn die Zeit gekommen, durch das unmittelbare Eingreifen Gottes wieder erstehen können. Während man hieran große Summen vergeudet, ohne das geringste Resultat zu bewirken, läßt man die zahllosen Glaubensgenossen in den orientalischen Ländern ohne Berücksichtigung und Begünstigung — was sage ich? laßt man die bedeutsamsten Anstalten in Europa selbst ohne genügende Unterstützung und Förderung. Die israelitische Bibelanstalt und das Institut zur Förderung israelitischer Literatur, diese wahren Kleinodien des modernen Judenthums, was thut man für sie? Man hat für die erstere ein paar tausend Thaler mühsam zusammengesammelt und sie hat dafür wahrhaft Erstaunliches geleistet. Aber was geschieht nun weiter für sie? Jetzt, wo sie gerade ihre Erfolge immer weiter und weiter ausdehnen müßte, sind ihre Mittel zu Ende. Was thut man für das gedachte Institut? Man gibt einige Groschen jährlich für es und verlangt dafür eine ausgedehnte Masse von Schriften, aber es fällt niemandem ein, es mit Mitteln zu versehen, um seine Schriften auch Unbemittelten zugängig zu machen, und daß es auch über die deutschlesenden Juden hinaus zu wirken vermöge. Zch komme zur Sache. Die orientalischen Juden müssen und können die Factoren der Civilisation im Oriente werden. Dazu müffen sie selbst erst cultivirt werden. Wie kann dies geschehen? Nicht von außen, nur von innen heraus. Auf dem religiösen Wege. Was ist hierzu erforderlich? Daß ich es kurz sage: 1) Man schaffe ihnen hebräische Bibeln mit russischer, türkischer, persischer und arabischer Uebersetzung und mit einem Auszuge aus Ihrem Commentar, Herr Redacteur, in diesen vier Sprachen. Ferner: eine hebräische Grammatik in diesen vier Sprachen, eine Religionslehre, eine Sammlung der besten Predigten und eine Geschichte der Juden in diesen Sprachen und hieran knüpfe sich dann eine Reihe populärer Darstellungen aus allen wiffenschaftlichen Fächern in allen diesen Sprachen. 2) Man schaffe ein Lyceum, wo Lehrer und Rabbiner für den Orient erzogen und gebildet werden und zwar indem die Zöglinge besonders in der hebräischen, russischen, türkischen, arabischen und persischen Sprache unterrichtet und ausgebildet werden. Ich glaube nicht, daß ich die Nothwendigkeit dieser beiden Zielpunkte ausführlich zu motiviren brauche. Sie ergibt sich ganz von selbst. Das kann ich aber aus tiefster Ueberzeugung und genauer Sachkenntniß versichern, daß diese beiden Wege die einzigen sind, auf denen zu einem wirklichen Erfolge gelangt werden kann. Die Sache sieht etwas groß aus, abyx ist es in der That nicht. Durch kleine Beisteuern schon der österreichischen Juden allein könnte die Ausführung geschehen, die, was die literarischen Erzeugniffe betrifft, sich selbst bald bezahlt machen würde, da der Absatz dieser Schriften in kurzem ein enormer sein würde. Man gibt sich in Europa jetzt den Schein, viel für die orientalischen Juden zu thun. Aber bis jetzt ist es noch blutwenig. Das politische Eintreten für dieselben in irgend einem gegebenen eclatanten Falle ist sehr lobenswerth und nützt hier und da wohl, ändert aber im großen Ganzen das traurige Geschick unserer Glaubensgenoffen nicht, denn dieses kann sich nur von innen heraus bessern, wenn jene aus der Unwissenheit und selbst gewerblichen Unfähig-