Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 28 (5.7.1864)
- Date
- 1864-07-05
- Page
- Seite 429 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226447--22260-3259522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
439 Die Phantasie ist aber auch die Mutter alles Aberglaubens. Sie ist es, die den Menschen in den Begriffen der Vernunft und in den Empfindungen seines Herzens keine Befriedigung finden laßt, die ihn in ein schrankenloses, übersinnliches Reich hineintreibt und hierfür ihm concrete, faßbare Gestalten und Erscheinungen auffinden will; sie ist es, die auch in den leblosen Dingen Leben, freies, willkürlich waltendes Leben schauen und faffen will. Die Phantasie zieht daher immer wieder den reinen Begriff Gottes aus den Höhen deS Lichts zur Menschenwelt herab und bekleidet ihn mit menschlichem Willen, menschlichen Triebfedern, menschlichen Eigenschaften. Die Phantasie bevölkert den unermeßlichen Raum zwischen Menschen und Gott mit den mannigfaltigsten Wesen, Geistern, Engeln. Die Phantasie knüpft immer wieder geheime Beziehungen zwischen den Menschen und dieser Geisterwelt an und sucht sie in wahrnehmbaren Mitteln und Operationen verwirklicht, faßbar und der Behandlung unterworfen zu zeigen. Die Phantasie umgibt deshalb alle wichtigen Momente des menschlichen Lebens mit abergläubischen Vorstellungen und Ceremonien, theils um günstige Erfolge zu erzielen, theils um schädliche Einflüsse zu beseitigen. Da ist denn ein unermeßliches Gebiet eröffnet, das durch die mannigfaltigen Pfade durchzogen wird, auf denen der Mensch bis zur äußersten Verwirrung, bis zur verderblichsten Hingabe, bis zur Versunkenheit und Entartung gelangt. Ohnmächtig kämpfen Verstand und Gefühl dagegen an, entweder sind sie unentwickelt und überlasten ohne Abwehr der Phantasie das unerbittliche Scepter, oder jene überwuchert sie und bringt sie gewaltsam zum Schweigen. Der Molochdiener, der sein Kind auf die glühenden Arme des ehernen Götzen legt, der Priester, der den Scheiterhaufen für den Ketzer entzündet, der Derwisch, der zu Ehren der Gottheit du scheußlichsten Tänze ausführt, bis er in convulsivische Zuckungen verfällt, was sagt ihnen ihr Verstand? Was bewegt sie für eine Empfindung des Herzens? Sie sind den Phantasmen der Einbildungskraft unterworfen, die ihnen Gott als ein menschenverzehrendes Wesen vorstellt oder das an den Schmerzen und Sprüngen der Menschen Wohlgefallen hat. Die einfachen Lehren der Vernunft, die Gefühle der Menschen- und Elternliebe, der Weihe und Heiligkeit schwinden vor den Extravaganzen der Phantasie, deren Dornenruthe von Blut und Thränen trieft. , Dies sind allerdings in die Augen fallende Ausschreitungen der Phantasie in den Religionen, aber wir wissen allzu gut, daß auch diese nicht selten und von nicht kurzer Herrschaft über die Menschen waren und zu keinem kleinen Theile noch sind. Aber, wenn auch von minderer Graßheit und weniger verderblicher Wirkung, existiren dergleichen Gebilde der Phantasie in allen Religionen und treiben ihr Spiel mit den Menschen, ihr böses Spiel; denn am Ende sind sie es, welche der reinen Erkenntniß und Verehrung Gottes, dem Berständniß und der Uebung der wahren Pflicht, der Wahrheit, dem Recht und der Liebe die größten Hindernisse schaffen, und die darum um so gefährlicher sind, weil sie aus jedem ihrer Samenkörner zu aller Zeit wieder aufzuschießen, ihre Zweige und Ranken auszubreiten bereit sind. Daß jede Religion der concreten Ausprägung bedarf, daß sie in gottesdienstlichen Formen und Ceremonien ihrem Bekenner sich vorstellen muß, um ihre Lehren ihm immer wieder nahe zu bringen, auf seine Gefühle und Entschlüsse zu wirken, ihn zu erheben, zu läutern und zu heiligen, wer wird dies verneinen, der die Natur des Menschen kennt? Hier ist es, wo die Phantasie als ein Factor der menschlichen Seele mit hineingezogen wird und werden muß. Aber gerade darum bedarf es der äußersten Vorsicht. Die Form und Ceremonie müssen wirklich der Ausdruck einer religiösen Lehre oder Satzung sein, sie wüsten durchsichtig genug sein, um diesen ihren Inhalt zu Bewußtsein und zu Gefühl zu bringen; sie dürfen diesen weder unsichtbar machen noch erdrücken. Denn sobald man dieses der Phantasie erlaubt, so treibt sie aus der Wurzel mit der Zeit die wildesten Schößlinge, so bildet sie eine steinerne Schale, aus welcher der Kern nicht mehr zu lösen, oder in der er zusammenschrumpft und schwindet. Man hat es gewissen Culten als Vorzug angerechnet, daß sie die Phantasie ganz besonders beschäftigen und die Menschen dadurch an sich fesseln. Ein zweideutiger, wenn nicht schlimmer Ruhm. Denn sie können dies nur auf Kosten jeder Bernunfterkenntniß und jedes einfachen, reinen Gefühls. Diese Occupirung der Phantasie wird der Ausgangspunkt sein zum verderblichsten Fanatismus oder zu tiefer Verdumpfung. Die innere Mission. Tultscha (Türkei), 29. Mai. Hier, in einem Knotenpunkte Europas und Asiens, wo der Einblick in zwei Welttheile gegönnt ist, sehen sich 28*