Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 28 (5.7.1864)
- Date
- 1864-07-05
- Page
- Seite 428 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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428 tigen Vigor einer einzelnen, zum Verderben. Der eiskalte Verstandesmensch, der absichtlich jedes aufsteigende Gefühl in sich unterdrückt und nichts gelten lassen will, was er nicht aus einem einseitigen Princip begriffsmäßig herleiten kann; der sentimentale Gefühlsmensch, der sich jeder Bewegung seines Herzens ohne Prüfung hingibt und sich den Wogen der Empfindungen haltlos überläßt; der Phantast, der nur in ausschweifenden Bildern lebt und die Wirklichkeit der angenehmen Schöpfungen seiner Einbildungskraft wegen von sich abhält: sie alle werden tausendfach irregehen, sich und anderen Unheil bereiten und das erhabene Ziel des Menschengeistes weitab verfehlen. Wenn aber irgendwo, so ist auf dem Gebiete der Religion eine einseitige Geistesbildung und Geistesthätigkeit vom größten Nachtheil. Es ist, wie wir schon oft hervorgehoben,*) ein unschätzbarer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht und befaßt, daß sie ihren Erweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstandes und des Herzens, des Denkens und des Fühlens findet, daß sie die Vernunft nicht verwirft, das Herz befriedigt und die Phantasie nur so weit wirken läßt, wie es mit der Erkenntniß und der lautern Empfindung übereinstimmt. Wir brauchen die Beweise hierfür heute nicht mehr zu führen. Nur darauf hindeuten wollen wir, daß die bedeutendsten Denker in Israel, ein Maimonides und Mendelssohn, ein Gabirol und Juda Halevi, die schärfste Verstandesentwickelung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden, daß gerade in dem israelitischen Stamme ein höchst reges Gefühlsleben zur Charakteristik gehört, wie es sich namentlich im Familienleben und in der Wohlthätigkeit bethätigt. Und daß schon die h. Schrift die erhabensten Bilder uns vor die Seele führt, weiß jedermann. Aber, und dies ist der Gegenstand, den wir heute vorzugsweise in Betracht ziehen wollen, das Schädlichste und Gefährlichste in der Religion ist die Ueberwucherung der Phantasie in ihr. Wo oder sobald die Phantasie in einer Religion oder in einer Phase derselben die Ob- Herrschaft erlangt und eine fast ungezügelte Wirksamkeit übt, da geräth diese Religion in die äußersten Abwege, von denen sie nur spät und durch die mühsamsten Kämpfe zurückgebracht werden kann. Daher tritt dem Walten der Phantasie die h. Schrift von Beginn an in entschie- *) Siehe unsere „Israelitische Religionslehre" (Baumgärtner 1861) Band I, Seite 30 ff. denfler Weise entgegen, und wie sie bei ihrem Anfang uns ein großartiges, aber einfaches und von allen phantastischen Bildern freies Gemälde der Weltschöpfung entwirft, so ruft sie uns nach der Verkündigung des Gottheitsbegrisfes sofort zu: „Du sollst dir kein Götzenbild machen, noch ein Abbild dessen, was im Himmel droben u. s. w.", so ruft sie dem Israeliten immer wieder in die Erinnerung: Du hast keine Gestalt gesehen am Tage, wo dir das ewige Wort der Lehre und des Gesetzes verkündet wurde. Die Phantasie war dieMutter aller heidnischen Religionen. Indem diese von dem Grundgedanken ausgingen, alle Gewalt und Kraft in den Dingen außerhalb des Menschen als Gottheit zu begreifen, überließen sie es der Phantasie, für die Natur in ihren einzelnen Gebilden ein Verständniß sich zu schaffen. Die Schwierigkeit war ihnen stets nur, wie der Mensch aus dem Zwiespalt der guten und üblen Einflüsse auf ihn zum Begriff einer Gottheit komme, in welcher der Gedanke der Schöpfung gedacht sei. War dies vollendet, so überließ sich der Mensch seiner Phantasie, um aus der Beobachtung der natürlichen und menschlichen Dinge sich Götter und Geister zu schaffen. So sieht der Schamane wie der Chinese, der Inder wie der Perser überall gute und böse Götter und Geister, die in allen Dingen sind, wirken und verehrt werden, und der Sabäer erkannte in jedem Stern einen eigenen Gott für jede Stadt und jeden Stamm. Die Abendländer, die Griechen, Römer, Germanen identificirten die Natur und den Menschen und trugen die Empfindungen, welche die äußeren Einflüsse in dem Menschen Hervorrufen, in die Natur selbst hinüber. Sie dachten in jedem natürlichen Dinge einen Gott, der von den menschlichen Leidenschaften beherrscht ist, und jede menschliche Leidenschaft hat selbst einen Gott in sich.*) So ist jede heidnische Religion, abseitens von ihrem Grundgedanken, ein Geschöpf der Phantasie, der Erkenntniß entzogen, dem Gefühle aufgedrängt. Es können wohl diesem Spiele der Phantasie Beobachtungen unterliegen und diese in den Gebilden jener zum Ausdruck kommen, und diese Beobachtungen können wir aus ihrer Schale lösen und zum Berständniß bringen. Weiter aber nicht, jeder Versuch, aus den heidnischen Religionen Philosopheme zu machen, hat sich immer als willkürlich und verkehrt erwiesen. *) Siehe unsere „Entwickelung der religiösen Idee", Seite 21 f.