Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 28 (5.7.1864)
- Date
- 1864-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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88. Jahrgmq. Allgemeine 28. Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ firr alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« in Bonn. Leipzig, den 5. Juli 1864. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 1 */a bis 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 3 Thlr. Halbjährig l Thlr. 15 Ngr. Vierteljährig 22^2 Ngr. Inserate werden mit 1'/a Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Beilagegebühren betragen für 1 Dogen 4 Thlr., für */2 Bogen 3 Thlr., für '/* Bogen 2 Thlr. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs, Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt- Expedition für beide Letztere hat sich das Königl. Sächs. Haupt-Zeituugs-Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Die Phantasie in der Religion. I. — Die innere Mission. — Literarischer Wochenbericht. — Nekrolog. — Zeitungsnachrichtenr Deutschland: Aus Rheinhessen. Preußen: Glogau, Münster, Bonn. Oester reichischer Kaiserftaat: Pesth, Brody. Schweiz: Paris. Italien: Turin, Neapel. Niederlande: Arnhem. Leitende Artikel. Bonn, 26. Juni. Die Phantasie in der Religion. i. Die Seele ist ein einheitliches Wesen. Sie hat keine Theile und keine Glieder; sie ist nicht zusammengesetzt; sie ist einheitlich und einfach. Aber ihre Thätigkeit ist eine verschiedne und diese Thätigkeit in ihrer Verschiedenheit nennt man Kräfte oder Vermögen. Bor allen treten hier drei hervor, die sich besonders charakterisiren: die Denkkraft, das Gefühl und die Phantasie. Die anderen, wie das Willensvermögen, das Gedächtniß, liegen heute außerhalb unserer Betrachtung. Die Denkkraft, welche Vorstellungen zu Urtheilen, Urtheile zu Schlüffen verbindet; das Gefühl, diese unmittelbare Bewegung der Seele auf jede Berührung derselben; die Phantasie oder Einbildungskraft, welche gehabte Vorstellungen wieder vor die Seele führt und sie willkürlich mit schöpferischer Kraft zu neuen Bildern combinirt und componirt. Die Einheit der Seele bezeugt sich aber dadurch, daß keine dieser Thätigkeiten ohne die andere sich vollziehen kann. Der Verstand vermag keine Operation ohne die lebhafte Beihilfe der Phantasie zu vollbringen, welche ihm die Vorstellungen festhält, die er in seinen Urtheilen und Schlüssen logisch zu verbinden strebt, und es ist gewiß, daß der strengste Mathematiker einer sehr lebhaften Einbildung bedarf, um seiner Größenbilder sicher zu sein. In gleichem Maße erweckt jeder Gedanke ein bestimmtes Gefühl in uns, wie jedes Gefühl sofort durch den Verstand nach Bewußtsein ringt, um über seinen Inhalt klar zu werden. Die Phantasie endlich strebt, trotz ihrer Willkür in ihren Schöpfungen, doch nach dem Scheine der Vernunft, indem sie in ihren Gebilden Ursache und Wirkung in einen Zusammenhang bringt, den sie freilich in der Wirklichkeit nicht haben. Wir brauchen unsere Leser nur daran zu erinnern, daß darum der höchste Grundsatz für die Entwickelung des Menschengeistes ist: nach einer harmonischen Ausbildung dieser und aller Seelenkräfte zu streben, so daß sie in der verhältnißmäßigen Befähigung und Thätigkeit in uns existiren, um unfern Geist ein vernunftgemäßes und religiös-sittliches Leben führen zu lassen. Keine dieser Seelenkräfte darf unterdrückt und beseitigt, keine auf Kosten der anderen genährt, gepflegt, überwiegend werden. Wie sie in ihrer Harmonie zum Heile führen, so bringen sie, in Widerstreit gerathen oder durch einsei-