Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 27 (28.6.1864)
- Date
- 1864-06-28
- Page
- Seite 422 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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422 ben können und wenig oder gar keine Kenntniß des Französischen haben; doch schon nach wenigen Monaten in der Schule entwickeln sich ihre physischen Kräfte, denn mit mütterlicher Pflege werden sie von Madame Gimpel umgeben, später erwacht auch ihr Geist unter der milden und doch zu gleicher Zeit strengen Leitung ihrer Lehrer, besonders des Herrn Gimpel, die sie im Französischen, Deutschen, im Rechnen, in der Elementargeographie, im Zeichnen, in der Religion u. s. w. unterrichten, und so geht eine glückliche Umwandlung nach allen Seiten hin mit ihnen vor. An Disciplin, an Ordnung und Moral gewöhnt und hinreichend unterrichtet, werden sie meistentheils Musterhandwerker und oft Werkmeister in großen Fabriken. Der Bericht erweist dies durch die Anführung einer Menge der tüchtigsten Meister, die aus der Schule hervorgegangen sind. Ebenso ist das Institut in seinerfinanziellen Entwickelung. Im Jahre 1853 waren die Einnahmen 8000 Frcs., 1863 aber 21,000 Frcs., vor zehn Jahren hatte es 12 Schüler, gegenwärtig 40. Damals bestand sein unantastbares Capital in 5000 Frcs., jetzt in 43,000 Frcs.» Es wurde zu dem alten Gebäude ein neues mit einem Aufwands von 16,000 Frcs. gefügt, wo noch 20 Schüler mehr Platz finden können. Unter solchen Verhältnissen kann man dem steigenden Wachsthume unserer Anstalt mit fröhlichem Muthe entgegensehen. Paris, 13. Juni. Die Professur der semitischen Sprachen am College de France ist wieder zu besetzen, nachdem Renan dieses Amtes enthoben worden. Die „K. Z." läßt sich nun schreiben: „Von dem Minister Duruy wurde als Nachfolger Renan's der berühmte Orientalist Munck empfohlen. Munck, ein Deutscher, aus Groß-Glogau in Schlesien gebürtig, israelitischer Religion, ist bereits Mitglied des Instituts und soll an gediegenem Wissen Renan bei weitem überragen. Mit den edelsten Vorzügen des Herzens geschmückt, ist der leider fast erblindete Gelehrte, ungleich manchen seiner deutschen Standesgenossen, wie z. B. dem neulich verstorbenen Professor Hase, von einer rührenden Anhänglichkeit für sein Heimatland beseelt, und so ist er einer von den wenigen, die dem deutschen Namen sowohl durch die Eigenschaften ihres Geistes als ihres Herzens in der Fremde die so ungern gewährte Hochachtung und Ehrerbietung in reichstem Maße zu erringen verstanden. Auch Professor Munck wurde vom Kaiser nach Fontainebleau befohlen, der sich mit ihm über die obschwebenden Fragen zu besprechen gewünscht haben soll. — lUnsere Leser kennen aus früheren Artikeln unsere Hochachtung und Liebe für Munck, der mit der gründlichsten Gelehrsamkeit den edelsten Charakter verbindet und den sein schweres Geschick nicht abgehalten, auch nach seiner Erblindung die bedeutendsten Arbeiten zu liefern. Wie wir daher schon eine persönliche Befriedigung empfänden, wenn die obige Mittheilung sich bewahrheitete, so wäre es auch ein eigenes Zusammentreffen, den Herausgeber des Maimuni zum Nachfolger des Verfassers des „Lebens Jesu" bestimmt zu sehen. Die Redaction d. A. Z. d. Jud.) Paris, 12. Juni. Am 31. Mai hielt die Alliance israelite universelle ihre vierte Generalsitzung. Der Bericht über dieselbe wird uns, sobald er gedruckt vorliegen wird, zu einem ausführlichen Referat veranlassen. Hier heben wir aus den Arch. isr. nur hervor, daß die Alliance im Wachsen begriffen ist und jetzt nicht ganz 3000 Mitglieder zahlt, so daß sie über 8000 Thlr. jährlich zu verfügen hat und circa 5000 Thlr. in Kasse besitzt. Der Vorsitzende, Hr. Cremieux, hielt eine sehr feurige Ansprache, die wir ihrem größeren Theile nach im „Jüdischen Volksblatt" geben. Rußland. Petersburg, 22. Mai. Für die Richtung und Stimmung in den maßgebenden Kreisen des Czarenreiches wird Folgendes nicht ohne Interesse sein. Das officielle „Journal de St.-Petersbourg" hat am 15. d. einen Artikel der „Moskauer Zeitg." gegen die bekannte Allocution des Papstes vollständig abgedruckt. Besonders bemerkenswerth ist darin die Schlußstelle, welche wohl in Erwägung zu nehmen empfiehlt, daß in England, wo sonst vollkommene Religionsfreiheit herrsche, die Katholiken doch gewisser wesentlicher politischen Rechte beraubt sind, und daß Rußland am besten thue, wenn es sich auch an diese Grundsätze hielte. „Nicht durch Zugeständnisse ans Papstthum, sondern durch Entwickelung der Religionsfreiheit müssen wir uns von den Schwierigkeiten losmachen, welche uns die römische Kirche bereitet. Warum sollen wir im Königreiche Polen der Religionsfreiheit Hindernisse in den Weg legen, nur im Interesse der römisch-katholischen Kirche? Etwa damit deren Priester, gegen jeden Kampf auf religiösem