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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-06-28 · Heft 27 (28.6.1864) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 27 (28.6.1864)
Date
1864-06-28
Page
Seite 412 (sequence 2)
Language
German
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412 Religionsunterrichtes in der organischen Bereinigung des katechetischen, des Bibel- und des hebräischen Sprachunterrichts besteht, womit sich nothwendig noch die Elemente der jüdischen Geschichte und die Liturgik verbinden. Allein die außerordentlichen Schwierigkeiten bestehen nun gerade in der Häufung dieser Lehrobjecte, von denen keines entbehr: werden kann, die alle einen bedeutenden Zeitaufwand erfordern, der doch so äußerst knapp zugemessen ist. Ohne nun auf diese Frage heute näher einzugehen, wollen wir nur auf ein Moment aufmerksam machen. Die genaue Kenntniß der h. Schrift macht den Juden erst zum rechten Juden. Ohne diese bleibt seine religiöse Ueberzeugung mehr oder weniger in der Luft schwebend, ohne diese kann er weder die Aufgabe seiner Religion noch ihre und des jüdischen Stammes Geschichte richtig verstehen und seine Urtheilskraft in jüdisch-religiösen Dingen ist ganz Haltungslos. Es ist nun für die Zeit, in welcher die Kinder die Religionsfchule besuchen, ganz unmöglich, daß sie der hebräischen Sprache so mächtig werden, um die ganze h. Schrift verstehen zu können. Noch weniger hat die Schule Zeit, die ganze h. Schrift oder auch nur die wichtigsten Theile der ganzen Bibel mir den Schülern durchzunehmen. So sehr wir es wünschten, daß dies nicht der Fall wäre, so muß sich doch der Pädagog an diese factischen Verhältniffe halten. Die höchst unvollständige Kenntniß der Bibel, welche die Zöglinge der Schule aus dem Unterricht im Text mitnehnehmen, macht es zum dringenden Bedürfniß, daß das Lesen der Bibel in deutscher Sprache mindestens jede Woche eine Stunde unter die llaterrichtsgegenstände ausgenommen werde. Es versteht sich, daß dieses Lesen nur stufenweise und mit Auswahl geschehen kann. Dies ist ja das methodische Erforderniß bei allen Lehrobjecten. Die Schüler erhalten aber hierdurch eine umfassendere Kenntniß des Bibelwortes selbst, lernen nach und nach alle Theile der Bibel kennen und machen sich in ihr heimisch. Mit diesem Lesen muß natürlich der Lehrer die Erklärung des Gelesenen verbinden, so daß es zugleich den wesentlichen Theil der Religionslehre selbst ausmacht. Dadurch werden auch die Nachtheile vermieden, welche sonst der trockene Bibelunterricht und das gehäufte Auswendiglernen von Bibelsprüchen mit sich führen, und der Lehrer hat Gelegenheit, die Liebe und Verehrung der h. Schrift in den jugendlichen Gemüthern zu wecken. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß hierbei ein Vorlesen seitens des Lehrers nicht genügt, daß vielmehr die Zöglinge selbst lesen müssen, daß also die deutsche Bibel in ihren Händen sein muß. Hierzu ist gegenwärtig, wie es vor Decennien nicht war, genügende Gelegenheit. Denn außer der; deutschen Salomonischen und Zusz'schen Bibel hat die israelitische Bibelanstalt dem Publicum eine deutsche Bibel auf weißem Papier und mit schönen Lettern für 19 Sgr., in festem Einband zu 24 Sgr. dargeboten, in welcher die Worttreue der Übersetzung mit dem verständlichen populären Ausdruck verbunden ist. Sit lenken demnach die Aufmerksamkeit der Schulvorstände, Rabbiner und Lehrer auf diese ganze Frage von neuem. Wer weiß aber nicht, daß mit dem Unterrichte der Jugend noch lange nicht alles gethan ist? Und dies um sy mehr, als die Knaben und Mädchen den Unterricht gerade in der Zeit zu verlassen pflegen, wo ihre Fassungskraft für religiöse Dinge sich erst recht zu entwickeln beginnt, als fie von da ab in ganz andere Sphären treten, wo sich das Erlernte so leicht vergißt, das Erworbene so leicht verwischt. Die vergangenen Jahrhunderte fesselten den erwachsenen Juden an das Lelk-kamickl-asdi, dessen Besuch die Satzung für ihn schon verdienstlich machte, wenn er auch wenig von dem dort Vorgetragenen verstand. Die Synagoge aber war der Belehrung ganz entzogen. Als nun der Besuch des Beth-hamidrasch aufhörte, hatte das erwachsene Publicum nirgends einen Ersatz. Man begann daher mit der Synagoge und führte die Predigt ein. Daß diese ein schönes Mittel der religiösen Belehrung ist, wird jedermann zugestehen, und da sie zugleich dem Gottesdienst von neuem Erhebung und Weihe verlieh, wurde sie zum unentbehrlichen Bedürfniß. Ebenso bald wird man aber auch einsehen, daß die Predigt allein bei weitem nicht auszureichen vermag, um jüdisches religiöses Wissen in irgend einem bedeutenderem Umfange, in irgend einem sicheren und festen Maße zu bieten und zu verbreiten. Dies kann sie weder ihrer Bestimmung noch ihrem Stoffe noch ihrer Form nach. Dazu fehlt ihr schon das Zusammenhängende und Systematische unter den einzelnen Predigten. Es muß also nach anderen Mitteln gesucht werden. Und diese können vorerst nur darin bestehen, daß zu bestimmten Zeiten fortlaufend und regelmäßig religiöse Lehrvorträge außerhalb der Synagoge in bestimmter Loealität gehalten werden. Wenn das frühere Studium und namentlich in dem Beth-hamidrasch sich vorzugsweise aus die Halacha beschränkte, so sind auch hierin der Blick, das Interesse und die Richtung in unserer Zeit ganz andere geworden..

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