Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-06-21 · Heft 26 (21.6.1864) · p. Seite 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 26 (21.6.1864)
Date
1864-06-21
Page
Seite 400 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226418-3226445--22229-3259489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

400 zu erweisen, mit einem großen Wortschwall begleitet, und ist dabei so wenig im Stande, eine Methode zu verfolgen und eine systematische Darstellung zu geben, daß ein Journalist sich in die Unmöglichkeit versetzt sieht, die Schriften des Herrn Weill zu recensiren. Es ist in diesen keine Seite, über die nicht wieder ganze Seiten geschrieben werden müßten, wenn man sich auf sie einlassen will. Und da ist es denn natürlich, daß man es vorzieht, die Arbeit des Herrn Weill ihrem Geschick zu überlassen, das für ein bedeutendes Werk ja nicht von dem Lobe oder Tadel der Tagespresse abhängt. — Wenn Herr Weill sich über das Schweigen der Journale zu beklagen hätte, so würde er einen hinlänglichen Ersatz in seinem Selbstbewusstsein finden. Er sagt in dem Beginne seiner Selbstbiographie: „Ich fühle, daß ich in der Geschichte des Gedankens eine Furche zu ziehen im Begriff stehe, die keine menschliche Macht ausfüllen wird; umso schlimmer für die, welche, sich auf meinem Wege findend, von den Erdklößen getroffen werden, die mein wühlendes Eisen rechts und links aufwirft." Herr W. erklärt also von vornherein jede Kritik an ihm für verloren, und kann er nun in dem Gerechtigkeitsgefühl, das er sich zuschreibt, an ernsthafte Männer das Verlangen stellen, sich mit einer verlorenen Sache zu beschäftigen? Ob wohl Herr W. Nachweisen kann, daß Spinoza, ich sage nicht eine Selbstbiographie geschrieben und seiner Ethik vorzusetzen für nothwendig hielt — denn daß er dies nicht gethan, weiß jedermann — sondern nur irgendwo sich solcher Ausdrücke über sich selbst bedient habe? Hr. W. lese z. B. den Schluß deS Tract. iheol. polit. Aber Hr. W. meint, um das Werk richtig zu beurtheilen, müsse man den Werkmeister kennen, und da wenige Freunde aus seiner Kindheit noch lebten, die ihm zu Zeugen dienen könnten, müsse er sich beeilen, denn, ruft er aus: „Ohne diese Zeugen würde mir niemand glauben!" Wir können hier dem Autor in seine Lebensgeschichte nicht folgen. Auch hier begegnen wir den kostbarsten Behauptungen, z. B. daß die deutschen Universitäten nichts als eine Superfötation und ein unermeßliches Vorurtheil seien; „der einzige Deutsche, der ein Mensch war, Schiller, hat niemals eine Universität besucht." (Aber doch eine Akademie, wo er Medicin studirte). Da, wo eigentlich seine Lebensgeschichte für das vorliegende Werk wichtig geworden wäre, wo, wie er sagt, die Geschichte seiner Stürme, Kämpfe und Jrrthümer in Paris zu erzählen gewesen, die Geschichte jener vielfachen Wandelungen, welche die Leute bei Hrn. W. anzudeuten wissen, bricht Herr W. ab und gibt uns nur Gedankenstriche. Er las nunmehr die h. Schrift nochmals, nach dieser den ganzen Talmud, nach diesem das Neue Testament mit einem Dutzend deutscher Commentatoren, er las die sämmtlichen Kirchenväter, dann Plato, den ganzen Aristoteles, Plutarch, Lucrez und Cicero. Hierauf las er Descartes und Spinoza und Voltaire. Letzterer lehrte ihn Leibnitz, Locke und Newton kennen! (Armes Dreigestirn, das man durch daS Fernrohr Voltaires kennen lernen soll!) So weit las jetzt Herr W. und es ist schade, daß er für diese Lectüre keine Zeugen beibringen kann. Aber dagegen müssen wir Widerspruch erheben, daß Herr W. nichts weiter als die obigen Autoren gelesen, denn sonst hätte er doch nicht Sätze aussprechen können wie: „Was die jüdischen Philosophen des Mittelalters und des Wiederaufblühens der Wissenschaften betrifft, so tanzen sie auf den scholastischen Eiern wie die Kirchenväter und haben keinen philosophischen Werth, keiner unter ihnen verdient übersetzt zu werden. Ihr letztes Wort ist stets: „Ich glaube, weil es absurd ist." Herr W. muß also doch Gabirol, Juda Halevi, Maimonides gelesen haben, wenn er auch so bescheiden ist, dies zu verschweigen. Aber auch an Mendelssohn kann er nicht vorübergegangen sein, denn er sagt: „Mendelssohn, ein moderner Jude, ist ein furchtsamer Leibnitzianer ohne Genie und philosophische Initiative." Jndeß kann Mendelssohn sich beruhigen. Leibnitz, Kant, Hegel kommen bei Herrn W. in gleicher Weise fort. Die Wahrheit, sagt er, hat seit Spinoza keinen Schritt weiter gethan; Leibnitz, Kant, Hegel haben nicht eine einzige Wahrheit mehr gefunden. Durch diese Aeußerungen sind wir in das unangenehme Dilemma gekommen, zu meinen, daß Herr W. in einem Anfluge von außergewöhnlicher Bescheidenheit verschweigt, daß er die -umfänglichen Schriften dieser Philosophen gelesen, oder zu glauben, daß er sie wirklich nicht gelesen. Herr W. hätte uns dies ersparen müssen, denn seine Auslassungen tragen das Gepräge, daß er sie nicht gelesen oder doch nicht das entfernteste Berständniß erlangt hat. Doch weiß Hr. W. uns zu trösten, denn er verspricht, nachdem er noch einen Band über das Neue Testament und Spinoza geschrieben haben wird, ein Buch, betitelt: „Das Neue Wort (Parole Nouvelle)", herauszugeben , das den Abschluß der drei „göttlichen Männer" Moses, Spinoza und Weill bringen wird. Herr Weill meint, daß er sein „Neues Wort" auch ohne Moses und Spinoza hätte veröffentlichen können. Aber, meint er, da er nicht wisse, „woher ihm seine Ideen kämen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.