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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1864-06-14 · Heft 25 (14.6.1864) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
28 (1864)
Issue
Heft 25 (14.6.1864)
Date
1864-06-14
Page
Seite 387 (sequence 9)
Language
German
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387 Gebildeten aller Nationen und Religionsbekenntnisse. Ein guter Theil der Lehre Nathan's ist Gemeingut der civilisirten Völker geworden, man beginnt immer mehr auf die Tugend und Sittlichkeit des Menschen als die Wirkungen der Religion zu sehen und mehr nach diesen als nach der Religionsform den Menschen abzuschätzen. Sind aber auch die dichtesten Nebel von dem Lichte der Aufklärung zerrissen, in die versteckteren Thaler ist kaum noch ein Sonnenstrahl gedrungen. Wird auch der Jude heute nicht mehr verbrannt, im Herzen verbrennen noch täglich Tausende ihre Brüder um einer anderen Ansicht willen. Und schämen sie sich auch der offenen Brandfackel, desto gieriger greifen sie nach der Verketzerung in Wort und Schrift. Wenn wir auch in einem ganz entgegengesetzten Sinne als oben von einem überwundenen Standpunkte des Fragmentisten sprechen können, wie viele sind es, die heute auf der Höhe der Erkenntniß eines Reimarus und Lessing stehen. Das allgemeine protestantische Bewußtsein ist der Theorie nach noch lange nicht bei ihnen angelangt und den Fortschritt, den das praktische Bewußtsein der Welt seitdem gemacht, verdankt sie nicht sowohl der Erkenntniß auf dem Gebiete der Religion, als dem sänftigenden und ausgleichenden Einflüsse der allgemeinen Civilisation. Nicht jedes Zeitalter vermag an allen Culturaufgaben mit gleichen Kräften zu arbeiten und wir können uns vielleicht dazu Glück wünschen, daß die religiöse Bewegung von einer Epoche der materiellen und politischen Entwickelung abgelöst worden, deren Ende nicht abzusehen ist. Möglich, daß der Menschengeist erst einer Ausbildung und Auslebung auf den übrigen Gebieten bedarf, um sich zu einem höheren Religionsbewußtsein zu erheben. Andererseits wird man aber auch mit Strauß den politischen Fortschritt nicht eher für gesichert halten, als bis für die Befreiung der Geister vom Wahn, für rein humane Bildung deS Volkes gesorgt ist. Geister wie Strauß und Renan graben hierzu erst die ersten Schachte, und ist es unserer Ansicht nach eine Täuschung, die Erkenntniß und das Bewußtsein der Vorkämpfer bereits zu exoterischen machen zu können. Für den größten Theil der Menschen wird noch lange der „Nathan" ein Spiegel dessen sein, dem genug zu thun für ihn eine schwere Aufgabe bleibt." — Zeitungsnachrichten. Deutschland. Krefeld, 29. Mai. Als erfreuliches Zeichen, wie sehr hierorts die Parität in alle Verhältnisse gedrungen, theilen wir mit, daß in der letzten Gemeinderaths- Sitzung der Beschluß gefaßt wurde, vom 1. Januar 1865 ab die jüdische Elementarschule den übrigen Volksschulen gleichzustellen; zugleich wurde der Vorsitzende, Oberbürgermeister Onderehck, beauftragt, die nöthigen Schritte zur Bewirkung dieser Gleichstellung zu veranlassen, für das laufende Jahr aber schon jetzt den bisherigen Zuschuß der Communalkasse von 350 Thlrn. auf 500 zu erhöhen. Preußen. Breslau, im Juni. (Privatmitth.) Herr vr. M. A. L ev h, Religionslehrer der Synagogen-Gemeinde, den Abonnenten des Instituts durch seine „Geschichte der jüdischen Münzen" und seine Aufsätze im „Jahrbuch der Geschichte der Juden und des Judenthums" rühmlichst bekannt, sonst auch durch seine phönizischen Studien, hat „den Charakter als Professor" erhalten. Paderborn, 1. Juni. (Privatmitth.) In diesen Tagen erschien der sechste Jahresbericht der israelitischen Waisenanstalt für Westfalen und Rheinland für die Jahre 1862 und 1863. Derselbe erweist einen befriedigenden Anwachs, denn während die Anstalt 1856 mit zwei Waisenknaben eröffnet wurde, zählt sie gegenwärtig 21 Waisen, nämlich drei Pensionäre, 4 Waisenmädchen und 14 Waisenknaben. Bier Knaben haben bereits die Anstalt verlassen und befinden sich in der Lehre. In erfreulicher Weise erkennt man aus dem Berichte, daß nunmehr das beste Einverständniß zwischen der Gründerin und Vorsteherin, Frl. Nathan, und dem Curatorium besteht und auch hierin die Bürgschaft deS Gedeihens und segensreichen Wirkens gegeben ist. Die Anstalt besitzt bekanntlich jetzt ein eigenes Haus, das in jeder Beziehung praktisch eingerichtet ist und welches bei den verhältnißmäßig noch geringen Spenden mit so vielem Muthe und Gottvertrauen unternommen und ausgeführt ist. Die Einnahme pro 1862 war, einschließlich eines angeliehenen Capitals von 25

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