Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 25 (14.6.1864)
- Date
- 1864-06-14
- Page
- Seite 386 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226418-3226444--22214-3259473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
386 in gleichmäßiger Verwaltung der Einkünfte; der Reichthum, welcher hierdurch dem Ganzen erwächst, während der Einzelne arm bleibt und an demüthiger Entsagung und Opferwilligkeit unübertrefflich erscheint, diese unvergleichliche Organisation der Gesellschaft Jesu, welche Menschen einem unerbitterlichen Gehorsam unterwirft, der unter jeder anderen Verfassung einer empörenden Sklaverei gleich käme, steht einzig und unerreicht da. Es ist eine veredelte Dienstbarkeit zu nennen, die den, der sich ihr unterzieht, nicht erniedrigt, weil das Gelübde der Religion ihn heiligt und ihn in jeder anderen Beziehung frei erklärt. Die das nicht begreifen können, sprechen von der Wellklugheit der Jesuiten; obgleich sie, würden sie darum befragt, nicht genau anzugeben wüßten, was sie eigentlich darunter verstehen. Weltkluge können sich so allgemeiner und großer Erfolge nicht rühmen wie die Bettelmönche des heiligen Ignatius von Loyola, die bei aller ihnen zugeschriebenen Weltklugheit nie an ihre eigene Person denken, sondern nur an ihr großes Werk. Könnte es gelingen, viele Tausende von wirklich blos weltklugen Leuten unter einen Hut zu bringen, so würde bald ein jeder von ihnen aus seiner Weltklugheit gewiß den allerpersönlichsten Nutzen ziehen. Die sogenannten weltklugen Jesuiten haben aber nie (?) einen Beweis davon geliefert. Sie blieben in den ferntesten Welttheilen aller und jeder (?) speciellen Bevormundung überhoben, ihrem Orden getreu. Niemals hat eine Mission sich loszutrennen gesucht von dem großen Ganzen. Die glänzendsten Erfolge erzeugten in ihnen kern Emancipationsfieber; die weisesten, ihrer Kraft sich bewußten Leiter der Mission strebten niemals nach unabhängiger Herrschaft. Männer von höchster Begabung, von tiefstem Wissen erfüllt, entsagen den Freuden der Welt, um in den Orden zu treten, und tragen in Demuth, aber auch mit Würde ihre Mönchskleidung, unbeirrt von dem Geschrei, das sie verfolgt und lästert. Wer darin die gewöhnliche Weltklugheit sähe, die aus ganz andere Ziele lossteuert, müßte selbst nicht klug sein und die Welt nicht kennen." — *) *) Den Hintergrund zu dieser Apologie des Jesuiterordens mag der jüngste Proceß von Back in Brüssel und dessen Enthüllungen abgeben. Was die Feindseligkeiten des Herrn August Lewald gegen Juden und Judenthum betrifft, so gehen sie Hand in Hand mit denen der Frau Fanny Lewald, die unter anderm in einem ihrer jüngsten Romane dem Judenthume den Glauben an eine göttliche Vorsehung abspricht, ein andermal Wir wollen kein Wort weiter darüber verlieren und gehen zu etwas Erfreulicherem über. — Im Laufe dieser verflossenen Theater-Saison ist hier in Mi tau sowohl als auch in Riga zu verschiedenen Malen Lessing's „Nathan der Weise" bei vollem Hause aufgeführt worden. Es verdient dankbar anerkannt zu werden, daß der Theater-Kritiker sich in der rigaschen Zeitung d. I. in humaner Weise über die Nutzanwendung jenes classischen Stückes speciell ausgesprochen hat, und lasse ich daraus vornehmlich Nachstehendes folgen: „Als man Lessing die weitere Herausgabe der „Fragmente" und sein ferneres Schreiben gegen den „Hauptpastor" legen wollte, schrieb er der Tochter des Fragmenlisten: „Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, dem Theater, noch ungestört will predigen lassen", und verfaßte den „Nathan", von dem er meinte, „gewiß den Theologen einen ärgeren Possen damit zu spielen als noch mit 10 Fragmenten." Heute schreibt wohl ein kleiner Pastor im Lande von den „Abgeschmacktheiten" des großen Fragmenlisten, diesen selbst liest kaum jemand mehr, denn er ist ja ein überwundener Standpunkt. Der „Nathan" aber lebt fort und wird seine Bedeutung auch in dem unwahrscheinlichen Falle nicht verlieren, daß dogmatischer Hochmuth und Unduldsamkeit aus der Welt verschwinden sollten. Lesstng hat in seiner Dichtung die ihm durch die Kämpfe seiner Zeit eingegebene Tendenz zur allgemein gütigen Wahrheit verklärt und dadurch dem zugleich wirkungsvollen Drama einen bleibenden Platz in der Kunst gesichert. Die langsam fortschreitende Menschheit sorgt ihrerseits dafür, daß auch die Nächstliegende Tendenz in „Nathan" ihre Anwendbarkeit auf die Gegenwart nicht sobald verlieren wird. Es sieht heutzutage allerdings besser aus in der Welt als in den Tagen, da Moses Mendelssohn und Lessing unter dem fanatischen Geschrei ihrer Gegner zu leiden hatten, die damals noch kleine Gemeinde der Einsichtigen ist gewachsen und der Glaube an ein alleinseligmachendes Dogma stark erschüttert. Die. reine Menschlichkeit, in welcher sich Nathan, Saladin und der Tempelherr zusammenfinden, umschließt bereits einen großen Kreis von die Lehre von der Unsterblichkeit u. s. w. u. s. w. Es ist dies alles das alte Spiel „getaufter Juden." In früheren Jahrhunderten schrieben sie „Schlangenbälge" u. dgl., um dem Pöbel Waffen für die Judenhetzen in die Hand zu geben, jetzt seine Romane. Nun, die Motive sind durchsichtig. Die Redaetion.