Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 25 (14.6.1864)
- Date
- 1864-06-14
- Page
- Seite 382 (sequence 4)
- Language
- German
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382 Tischlers, der Geselle und Lehrjunge muß die Gewalt des Meisters, der Meister die Gewalt der Zunft über sich erkennen und diese Gewalt dient dem Berufe des Gewerbes, der Beschaffung solider Arbeit, der Sicherung auskömmlicher Nahrung für sämmtliche Gewerbsgenofsen." Man erinnere sich, daß die Zunft nur eine unveränderlich bestimmte Zahl Meister gestattete, jedem Gewerbe genau gesonderte Arbeitsgegenstände abgrenzte und dem Kaufmann den Handel mit Handwerkerwaaren streng verbot. Dies ist nicht die „Gestalt", sondern das „Princip" der Zunft. Sie schloß also in den meisten Zweigen die Fabrication und den Handel aus, sicherte dadurch einer kleinen Anzahl Familien „auskömmliche Nahrung", aber schloß unzählige andere davon aus und that dies auf Kosten deS gesammten Publicums. Die Sicherung solider Arbeit war damit durchaus nicht gegeben, wohl aber die Bürgschaft sehr theurer Arbeit. Ja, sie trennte sehr streng den Meister vom Gesellen, aber sie machte es zahllosen Gesellen unmöglich, jemals Meister zu werden. Daher führt ihn dies auch zu einer höchst abenteuerlichen Schlußfolgerung: „Auf dem nationalökonomischen Gebiete führt jene Unbeschränktheit der Concurrenz, des Gewerbebetriebes, der Ansässigmachung dazu, daß unzählige Familien gegründet werden ohne Möglichkeit der Ernährung. Man muß dann entweder das Princip der individuellen Freiheit zum äußersten treiben und auch den Artikel in die Constitution aufnehmen: „die Freiheit des Verhungerns ist gewährleistet", oder aber die Ernährung solcher Familien den übrigen aufbürden, der Gemeinde oder dem Staate, d. i. den Steuerpflichtigen. Da frage ich aber, ob das noch eine Durchführung der individuellen Freiheit ist, wenn ich gegen meinen Willen die Familie anderer miterhallen muß, bei deren Ansässigmachung und Verehelichung ich nicht gefragt wurde." Welche pfiffige Sophistik! Man sieht, Herr Stahl mit all seiner strengen Kirchlichkeit hatte keinen Begriff von wahrer Religion und wahrer Humanität. Das Mittelalter wollte und Stahl will mit ihm, daß nur eine bestimmte Anzahl privilegirter Familien reichliches Auskommen, ja Ueberfluß habe, den anderen Menschen sollten die Erwerbsquellen verschlossen, die Knechte jener ohne Familie und in ihrem Elende sich selbst überlassen sein. Die jetzige Zeit will, daß der Fähigkeit und dem Fleiße aller Menschen alle Erwerbsquellen geöffnet, jeder im Stande sein soll, selbständig zu werden und eine Familie zu begründen und daß den Armen möglichst geholfen werde. Es ist wahr, daß im Mittelalter eine beschränkte Zahl Menschen in Ueberfluß lebte und durch das Gesetz darin geschützt wurde. Die zahllosen Gesetze zur Verhütung der Verschwendung und des Luxus geben Zeugniß dafür. Es ist ebenfalls wahr, daß die anderen Menschen für diese arbeiten mußten als Leibeigene, Fröhner, Gesellen, die niemals Meister werden konnten u. s. w. Unwahr aber ist es, daß es jetzt verhältnißmäßig mehr Arme oder gar „Verhungernde" gebe als damals. Die große Masse des Volkes verkam in Elend und Schmutz und die furchtbaren Seuchen und Pestilenzen, welche Europa durchzogen und im Volke die reichlichste Nahrung fanden, geben die schreckhaftesten, aber unwiderleglichsten Zeugnisse über das grenzenlose Elend der Volksmasse im Mittelalter. Diese Pestilenzen räumten dann zu Gunsten der privilegirten Classen die überflüssige Volksmaffe auf, die man freilich nun nicht zu ernähren brauchte. — So ist die Beschreibung der Folgen bei Stahl immer beschaffen. Er sagt: „Die Menschen also auf sich selbst gestellt, vereinzelt, verkommen in Masse und ist dies eine Hauptquelle des Proletariats. Die moralischen Hebel des Standesgeistes, der Standesehre weichen, der echte Gemeinsinn nimmt ab, denn er kann nur in kleinen Kreisen erstarken; die Zucht und Sitte in den Berufsclassen verfällt, die Jugend, namentlich der körperlich arbeitenden Bevölkerung, wächst in Verwahrlosung auf." Solche Behauptungen mir nichts dir nichts aufzustellen kann nur einem schroffen Parteigänger oder einem Kathederprofeffor einfallen, der nur das sieht, was er sehen will, und dem Leben zuschreibt, was er für seine Demonstrationen braucht. „Der echte Gemeinsinn nimmt ab." — Wer nicht blind sein will, muß sehen, daß der echte Gemeinsinn in unserer Zeit täglich zunimmt, daß in keiner Zeit für gemeinsame Zwecke die Geister und Hände der Menschen mehr geöffnet waren als jetzt, daß der lebendige Antheil an vaterländischen und humanen Interessen in den Herzen der Menschen immerfort wachst. Gerade im Gegentheil, je kleiner der Kreis, desto kleinlicher und beschränkter wird der Gemeinsinn und stirbt für alles ab, was über diesen kleinen Kreis hinausreicht. Dafür zeugt das Zopfthum, das Philisterthum, die Krähwinkelei genugsam. Daß die Jugend in der Zeit des Ritterthums und der Zunftmeisterei weniger verwahrlost war als jetzt, ist eine grobe Täuschung. Die Rohheit und Herbergswirthschaft, die sich in jener Zeit aufs fürchterlichste entwickelte und der selbst die studirende Jugend anheimgefallen, wird erst jetzt allmählich beseitigt. Der Schulunterricht, die äußere Bildung und Gesittung, die