Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 28 (1864)
- Issue
- Heft 25 (14.6.1864)
- Date
- 1864-06-14
- Page
- Seite 381 (sequence 3)
- Language
- German
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381 Stände, Berufe, Oertlichkeilen in ihren Verschiedenheiten immer bestehen werden, daß die Menschen, welche eine Gleichartigkeit in diesen Momenten haben und darum gewisse gemeinsame Interessen besitzen, immer wieder nach einer gewissen Vereinigung, nach einem gewissen Verbände unter sich streben werden. Aber eine neue Zeit verlangt eine Reorganisation, sie will die alten, zu Fesseln gewordenen Bande sprengen, nicht um sie in Atome zerfallen, sondern in einem neuen Gebilde, in neuen Formen und Organen erstehen zu lassen. Die alten Provinzen mit ihren „unantastbaren" Rechten, mit ihren Abschließungen und Privilegien standen dem Gesammtleben des Staates und allem freien Verkehre der Staatsangehörigen so hemmend, so schwächend, so widerspenstig gegenüber, daß sie dem Staate nicht mehr erträglich waren. Braucht aber darum jeder Provinzialverband aufzuhören und werden nicht alle besonderen Interessen einer Provinz, aber nur diese, ihre besondere Instanz finden und bilden können? Wer könnte den Unterschied zwischen Stadt und Land jemals übersehen und eine gleiche Verfassung für die Stadt und das Dorf aufstellen wollen, wenn diese auch nach einem allgemeinen gleichen Prineip ihre eigenthümlichen Verschiedenheiten finden soll? Der städtische Bürger- und der ländliche Bauernstand werden zu aller Zeit bestehen und ihre eigenthümlichen Verhältnisse besitzen, ohne daß sie eine Vertretung nach Ständen auf dem allgemeinen Landtage nothwendig machen. Eine Vertretung nach Ständen verewigt den Kampf zwischen diesen, verewigt die alleinige Berücksichtigung der Standesinteressen gegenüber den allgemeinen Interessen des Staates und der staatlichen Gesellschaft, wie z. B. Schweden noch heute erweist, und Stahl schlägt sich selbst, denn er müßte nach seinen eigenen Aussprüchen den pommerschen Bauernstand ebenso wie den sächsischen und rheinlandischen besonders vertreten lassen, die sich nicht selten in ihren Sonderintereffen gegenüberstehen werden; er wird nach dem von ihm selbst angeführten Beispiele dem Zimmermeister und dem Tischler, weil sich ihre Interessen widerstreiten, auf dem Landtage eine Vertretung geben müssen; denn wie sollten, wenn der ganze Handwerkerstand zufällig Ivurch einen Schneider und einen Lohgerber vertreten wäre, diese über die Zukommniffe jener richtig urtheilen können? Stahl sieht nicht ein, daß, wenn er dem Principe der liberalen Partei die Entgliederung des Staates zuschreibt, sein Princip die Zergliederung des Staates zur Consequenz hat, so daß vor der Menge der kleinen im Sonderleben abgeschlossenen Glieder der ganze Staat zu keinem gegliederten kommen kann. Stahl will die alten Zünfte erhalten; aber ist es wahr, daß mit dem Wegfall dieser jede Einigung und Vereinigung der Gewerbsgenossen in Wegfall kommt? Zeigen nicht gerade die gegenwärtigen Erscheinungen im Handwerker- und Arbeiterstande, daß überall eine neue Vereinigung in freien Innungen und Genossenschaften lebendig hervortritt und nach neuen Formen und bestimmten Tendenzen strebt, nur daß die alten, unerträglich gewordenen Fesseln wegfallen und einem höheren, humaneren Principe Platz machen sollen? Streitet nicht überhaupt der Assoeiationsgeist, der in unserer Zeit so überaus lebendig geworden und überall vom Staate das Associationsrecht fordert, gegen die ganze Schlußfolgerung Stahles, daß mit dem Aufhören der alten, knechtenden Associationen eine bloße Aggregation der Menschen eintrete, und widerlegt ihn vollständig? Nein! Stahl übertreibt alle Thatsachen, hebt nur die zufälligen Extravaganzen Einzelner hervor und gibt sie für das Princip einer gesammten Partei aus, verschweigt absichtlich alle thatsächlichen neuen Erscheinungen und hat es dann freilich sich leicht gemacht, durch die vorgeblichen Folgen die Partei und ihr Princip zu Schanden zu machen. Aber es ist nicht so. Der innere Trieb und das natürliche Bedürfniß bleiben stets dieselben in der Natur der Menschen, nur daß ihre Befriedigung, wenn sich die alten Formen und Einrichtungen überlebt haben, dem Leben des Ganzen schädlich in den Weg treten und die individuelle Freiheit maßlos beschränken, sie abwirft, um in neuen Institutionen, in freierer Gestaltung wieder zu erstehen. Freilich, daß sich dann zuerst die aufstrebende Partei energisch gegen die alten Verbände und ihre Beschränkungen richtet und ihre Zertrümmerung erstrebt; freilich, daß sehr oft hierin zu weit gegangen worden und die erste Uebergangszeit mancherlei Nachtheile und Schäden mit sich bringen wird — dies sind einmal Uebel, die den menschlichen Dingen ankleben — aber gemach, die unverwüstliche Kraft des menschlichen Wesens bricht sich bald Bahn und bethätigt sich in neuen Schöpfungen. Wofür Stahl streit^, das müssen wir doch in einem Beispiele charakterisiren und zwar mit seinen eigenen Worten: „Nur ein Beispiel: nach der älteren Gewerbeordnung, die ich keineswegs in ihrer damaligen Gestalt, sondern nur nach ihrem Princip vertrete, ist der ganze Gewerbe-Verband ein Organismus für den Beruf des Gewerbes, ein Glied darf nicht die Arbeit thun, die dem andern zukommt, der Zimmermann z. B. nicht die des 25*